Lieber Herr Wunderlich, die Pfaueninsel trägt ihre bekanntesten Bewohner schon im Namen. Warum leben hier überhaupt Pfauen und welche Rolle spielen sie heute für die Insel?
Eigentlich begann alles recht unspektakulär: Im 17. Jahrhundert diente die kleine Havelinsel zunächst als Kaninchenzucht und war als „Kaninchenwerder“ bekannt. Erst als Friedrich Wilhelm II. sie Ende des 18. Jahrhunderts für sich entdeckte und hier sein romantisches Sommerschlösschen errichten ließ, wurde aus dem Nutzraum ein Ort höfischer Träume.
1795 kamen die ersten Pfauen von dem gegenüberliegenden Gut Sacrow auf die Insel. Ganz bewusst wurden sie als exotische Schmuckstücke in das romantische Ensemble aus Landschaft und Lustschloss gesetzt. Am preußischen Hof galten Pfauen vor allem als Zeichen von Status, Repräsentation und Schönheit. Bis heute prägen sie das Bild der Insel und wecken mit ihrem prächtigen Federkleid Träume und Fantasien.
Wenn heute ein Pfau vor dem weißen Schlösschen sein Rad schlägt, scheint er genau die Rolle zu erfüllen, die ihm einst zugedacht war. Er setzt leuchtende Farbakzente in die Landschaft und verleiht dem Ort etwas Märchenhaftes.
Heute ist die Pfaueninsel Naturschutzgebiet, Teil des UNESCO-Welterbes und ein beliebtes Ausflugsziel für Berliner:innen und Brandenburger:innen ebenso wie für Gäste aus aller Welt. Die Pfauen leben hier weiterhin frei und sind zu echten Botschaftern der Insel geworden.
Wer ihnen auf den Wegen begegnet, erlebt Geschichte nicht nur im Museum, sondern mitten und frei in der Natur.
So wird die Verbindung von romantischer Gartenkunst, höfischer Vergangenheit und heutigem Naturschutz unmittelbar spürbar und genau deshalb trägt die Pfaueninsel ihren bekanntesten Bewohner mit Recht im Namen.
Auf der Pfaueninsel leben rund 60 Pfauen. Wie sieht Ihr Arbeitsalltag als Tierpfleger aus und welche Aufgaben fallen an, die Besucher:innen oft gar nicht wahrnehmen?
Auf der Pfaueninsel beginnt der Arbeitstag der Tierpfleger oft dann, wenn die ersten Pfauen noch verschlafen in den Bäumen sitzen und lange bevor die erste Fähre Besuchende bringt. Ihr Alltag ist weniger romantischer Spaziergang mit Königsvögeln, als vielmehr ein sehr bodenständiger Mix aus Futter- und Säuberungsarbeiten, Gesundheitskontrolle, Weidewirtschaft, Dokumentation und Landschaftspflege im Hintergrund. Denn ja, zu unseren Pfauen gesellen sich noch Hühner, Pferde, Schafe, Fasane und saisonal sogar Wasserbüffel, die wir gemeinsam 365 Tage im Jahr umsorgen, hüten und pflegen.
Bevor überhaupt Futter verteilt wird, steht eine Art „Visite“ an. Eine Gesundheitskontrolle der anderen Art. Wir gehen eine Runde über die gesamte Insel und prüfen speziell bei den Pfauen, ob alle rund 60 vollzählig sind, ob sich jemand verletzt hat oder ungewöhnlich ruhig wirkt. Dabei achten wir auf ihr Gefiederzustand, Gangbild, Atmung und Verhalten. Manchmal können subtile Veränderungen früh auf Krankheiten oder Stress hinweisen.
Nachdem wir alle Tiere gesichtet habe beginnt die eigentliche Arbeit.
Futter vorbereiten, Wasser kontrollieren, Volieren und Schlafplätze reinigen bindet viel Zeit.
Dann folgt das Füttern, Küken und Jungtiere betreuen, den Inkubator kontrollieren, Tiere bei Bedarf separieren, Absprache mit Tierärzt:innen, Gärtner:innen und Parkleitung (z.B. wegen Wetter, Bauarbeiten, Raubwild). Dazu kommen oft viele kleine Reparaturen und Sicherungsarbeiten an Zäunen, Netzen und Gehegen. „Nebenbei“ dann die Dokumentation zu jedem Tier, Futterplanung, Medikamentengaben nach Anweisung, Organisation unserer Nachzucht und ggf. Zuführungen neuer Tiere, Abstimmung mit Naturschutzauflagen und gleichzeitig müssen sie Konflikte zwischen Tierwohl und Besucherinteressen moderieren. Fragen beantworten, auf Abstand und Rücksicht hinweisen, eingreifen, wenn jemand ein Tier bedrängt oder füttern will. Die Tierpfleger entscheiden mit, wie nah Menschen den Pfauen kommen sollten, wie Schulklassen geführt werden und wie man gleichzeitig Respekt vor den Tieren und Begeisterung für die Insel weckt. Manchmal bedeutet das auch, bewusst nicht einzugreifen, etwa wenn ein Pfau sich zurückzieht, um seine Selbstbestimmung zu respektieren, auch wenn Besucher:innen sich einen „schönen Fotomoment“ erhoffen.
Für die Besucher:innen sieht das oft so aus, als würden die rund 60 Pfauen einfach frei und selbstverständlich über die Wege spazieren. Damit das möglich ist, sehen sie nun, dass hinter jedem dieser Tiere täglich viele Stunden Pflege, Beobachtung und Abstimmung von uns Tierpflegern und unseren Kolleg:innen steht.
Ein Pfauenjahr ist erstaunlich abwechslungsreich. Können Sie uns einmal durch die Jahreszeiten führen – von der Balz über die Brut und Aufzucht bis zum Winter? Welche Rolle spielen dabei Brutkasten und Volieren?
Ein Pfauenjahr beginnt mit der Balz im Frühjahr. Die Hähne besetzen ihr Revier auf der Insel, schlagen ausdauernd Rad und werben um mehrere Hennen. Diese suchen sich geschützte Plätze für ihre Gelege und würden die Eier eigentlich selbst rund 28 bis 30 Tage bebrüten. Weil natürliche Gelege im Freiland heute durch Wetter, Raubwild und andere Risiken stark gefährdet sind, übernehmen bei uns Brutkästen den größten Teil dieser Aufgabe: Die Pfaueneier werden dort kontrolliert ausgebrütet, sodass unsere Küken kraftvoll ins Leben starten können.
Dass die Zucht langfristig gesund bleibt, müssen wir eine Zuchtreinheit gewähren. Wir achten darauf, woher ein Tier stammt, kennen seine Vorfahren über mehrere Generationen und berücksichtigen vor allem auch sein Wesen. Deshalb bleiben unsere Zuchtpaare zeitlich begrenzt in den Volieren, nur so können wir die Zukunft gesunder und kraftvoller Pfauen auf der Insel sichern.
Nach dem Schlupf kommen die empfindlichen Küken zunächst in kleine Gehege mit Wärmequelle und Futter und ziehen dann in den „Kindergarten“ unserer historischen Voliere, oft mit einer „Glucke“ als sozialem Vorbild. Dort sind sie vor Nässe und Feinden geschützt, bauen Muskulatur und Sozialverhalten auf und können zugleich von Besuchenden bestaunt werden. Erst wenn sie kräftig genug sind, wechseln sie Schritt für Schritt ins freie Inselleben. Im Herbst folgt die Mauser der Alttiere, im Winter leben die Pfauen ruhiger und nutzen geschützte Schlafplätze, während wir sie weiterhin kontrollieren und versorgen, damit sie gut ins nächste Balz- und Brutjahr starten.
Viele Menschen kommen den Pfauen sehr nah. Wie erleben die Tiere den Kontakt mit Besucher:innen – und wie verhält man sich richtig, damit Mensch und Tier gut miteinander auskommen?
Wer die Pfauen auf der Insel erlebt, ist Gast im Lebensraum dieser Vögel.
Pfauen erleben Besuchende als spannende Abwechslung, bleiben dabei aber sehr wachsam. Manche Tiere kommen neugierig näher, andere halten lieber Abstand. Diesen Abstand sollten wir auf jeden Fall respektieren. Wer ruhig bleibt, langsam geht, die Tiere weder anfasst noch füttert und ihnen stets eine Ausweichmöglichkeit lässt, sorgt dafür, dass Pfauen nicht gestresst werden und ihr natürliches Verhalten zeigen können. So wird der Kontakt für beide Seiten zu einem Highlight. Menschen können die Tiere aus nächster Nähe beobachten, und die Pfauen bleiben entspannte Mitbewohner der Insel, die sich in all ihrer Pracht entfalten dürfen.
Wie sorgt man dafür, dass die Pfauen die Insel nicht verlassen?
Pfauen sind erstaunlich standorttreue Tiere. Die wichtigste „Sicherung“ ist schlicht die Lage der Insel in der Havel. Pfauen sind keine Zugvögel, sie durchschwimmen nicht mal eben einen breiten Fluss und zum Ufer gibt es keinen direkten, trockenen Übergang. Die Insel wirkt für sie wie ein geschlossener Lebensraum. Ihr vertrautes Terrain endet an der Wasserlinie, dahinter beginnt etwas, das sie nicht kennen und meiden. Auf der Pfaueninsel finden sie alles, was sie brauchen: Futter, sichere Schlafbäume, Brutplätze, Ruhe vor Hunden und dem Straßenverkehr.
Dazu kommt ihre eher schwache Flugfähigkeit. Sie fliegen auf Bäume oder kurze Strecken, aber keine weiten Distanzen über offenes Gelände, schon gar nicht über Wasser. Die Kombination aus Wassergrenze und Flugverhalten sorgt dafür, dass ein „Ausflug“ ans Festland für Pfauen von sich aus extrem unwahrscheinlich ist. Auf der Pfaueninsel gibt es zudem abgestimmte Pflege- und Schutzmaßnahmen für den Bestand, einschließlich Winterquartieren und extra geschützte Brutbereiche. Das macht die Insel für die Tiere nicht nur vertraut, sondern auch verlässlich, halt ein „Zuhause“, das sich über die Jahreszeiten hinweg bewährt.
Eine weitere indirekte Sicherung ist der Schutz vor Feinden: Schon seit den 1990er-Jahren wurden Füchse, Marder und Waschbären auf der Insel zum Problem, weil Pfauen keine guten Flieger sind und ihre Gelege leicht zur Beute werden. Die Antwort darauf war die Sicherung aller Zuchtpaare und unserer Nachzuchten in Volieren. All das trägt dazu bei, dass der Bestand stabil bleibt, ohne, dass einzelne Tiere „fluchtartig“ versuchen, die Insel zu verlassen.
Pfauen wirken auf viele Menschen ähnlich. Erkennen Sie bei den einzelnen Tieren unterschiedliche Persönlichkeiten? Gibt es besonders neugierige, mutige oder scheue Charaktere? Und haben die Pfauen eigentlich Namen oder Sie sogar einen persönlichen Lieblingspfau?
Tierpfleger:innen erleben Pfauen sehr deutlich als Individuen. In jeder Gruppe gibt es auffallend neugierige, mutige und eher scheue Charaktere. Mal ist es eine schiefe Kralle, dann ein weißer Fleck im blauen Federglanz oder auch eine leichte Fehlbildung im Schnabel. Fast alle, die täglich mit ihnen arbeiten, haben einen stillen Lieblingspfau, wie „Erna“, „Trude“, „Gustaf“ oder „Schnattchen“, doch ohne andere deswegen weniger sorgfältig und liebevoll zu behandeln.
Das prächtige Federkleid der Pfauen fasziniert viele Besucher:innen. Welche Funktion haben die auffälligen „Pfauenaugen“ eigentlich? Und darf man die Federn, die die Tiere verlieren, als Erinnerung mitnehmen?
Die „Pfauenaugen“ sind ein Showeffekt für die Balz. Sie machen das Rad besonders auffällig und signalisieren den Hennen: „Ich bin fit, potent und attraktiv!“ Wenn ein Hahn sein Rad schlägt, richtet er die vielen Augenflecken wie einen riesigen, bunten Fächer auf die Hennen aus, um ihren Blick magisch anzuziehen. Je mehr leuchtende Augen, je harmonischer das Rad und je stärker das Schillern, desto attraktiver wirkt er in diesem Moment auf sie. Oft lässt der Hahn seinen Schweif zusätzlich vibrieren, sodass die einzelnen Augen optisch vervielfältigt erscheinen. Nebenbei kann er mit dieser imposanten Schau auch Feinde einschüchtern und sein Revier verteidigen.
In der Hochphase der Balzzeit kann ein Hahn sogar Fasane oder Besuchende „anbalzen“. Ein etwas verrückter, aber einfach wundervoller Anblick. Besonders, wenn man sieht, wie irritiert und manchmal auch ein wenig verlegen das Gegenüber dann schaut.
Auf der Pfaueninsel dürfen unsere Pfauen ihre Federn behalten, auch die, die sie verlieren. Das liegt daran, dass die Insel ein Naturschutzgebiet ist. Dies bedeutet, dass alles, was zur Natur gehört, auf der Insel bleiben und nicht als Souvenir im Rucksack landen soll. Wenn Besuchende eine schöne Feder entdecken, können sie sich gern in Ruhe daran freuen, ein Foto machen und den Moment mitnehmen – die Feder selbst sollte aber als Teil der Insel hier verbleiben. So schenken sie tausend anderen Besuchenden die Möglichkeit, sich genau an dieser Feder zu erfreuen.
Zum Schluss eine Frage an Sie als Tierpfleger: Welche Frage stellt Ihnen eigentlich fast nie jemand, obwohl sie die spannendste über die Pfaueninsel oder die Pfauen wäre?
Spontan fällt mir da die Frage ein: „Wie fühlt sich ein Kükenjahr für uns als Tierpfleger an? Vom ersten warmen Ei im Brutkasten bis zum Moment, in dem die Jungtiere zum ersten Mal selbstständig unsere Insel erkunden?“
Die meisten Besucher:innen sehen nur: „Es gibt wieder Küken!“ oder später „Da sind junge Pfauen unterwegs!“ Fast niemand fragt danach, wie sich das als Tierpfleger anfühlt: das vorsichtige Drehen der Eier, das erste Piepsen vor dem Schlüpfen, der Geruch und die Wärme im Aufzuchtbereich, die Nervosität bei schlechtem Wetter und unsere Angst vor Verlusten, aber auch die Freude über jeden einzelnen Entwicklungsschritt der kleinen Lebewesen. Bis schließlich zu diesem besonderen Moment, wenn ein gesundes Jungtier zum ersten Mal nicht mehr „Küken im Gehege“, sondern „Pfau auf der Insel“ ist. Um dies zu erreichen, geben wir Tierpfleger gemeinsam mit unseren Kolleg:innen jeden Tag all unsere Liebe und Kraft.
Mirko Wunderlich ist gelernter Landwirtschaftsmeister und arbeitet seit 2013 bei der SPSG. Zusammen mit zwei Kollegen ist er verantwortlich für alle Tiere auf der Pfaueninsel.
Die Fragen stellte Carlo Paulus, Mitarbeiter der Öffentlichkeitsarbeit der SPSG.
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