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„Wir wollen dazu einladen, diesen Widerspruch aufzuspüren“

17. April 2026 Von Carlo Paulus

SPSG-Generaldirektor Prof. Dr. Christoph Martin Vogtherr über das Themenjahr „Kunst | Politik“

Lieber Herr Vogtherr, das Themenjahr „Kunst | Politik“ stellt das Verhältnis von Kunst, Macht und politischer Inszenierung in den Schlössern und Gärten in den Mittelpunkt. Was sind aus Ihrer Sicht heute die wichtigste Erkenntnisse, die Besucher:innen aus diesem Spannungsfeld mitnehmen sollten?

Die Schlösser und Parks sind als Regierungssitze oder für Mitglieder der regierenden Dynastie gebaut worden, nicht als Privathäuser. Alles was wir hier sehen und genießen ist deshalb mit einem politischen Zweck angelegt worden. Es soll die Macht repräsentieren oder ein bestimmtes Geschichtsbild illustrieren – viele dieser Aussagen sind kritisch zu überprüfen. Der schöne Schein und die künstlerische Qualität lenken gelegentlich ab von der politischen Realität. Wir wollen dazu einladen, diesen Widerspruch aufzuspüren und auch zu sehen, wie die großen Künstlerinnen und Künstler diesen politischen Anspruch ausgedrückt haben. Wenn man genau schaut, entdeckt man häufig auch Aspekte, die eigentlich nicht gezeigt werden sollten.
Ein zweiter besonders interessanter Punkt sind die Kontinuitäten. Fast alle unsere Anlagen sind für die Monarchie angelegt worden, haben danach aber weiter die Mächtigen angezogen, wie Hermann Göring das Neue Palais oder Wilhelm Pieck das Schloss Schönhausen. Zum Glück sind unsere Anlagen inzwischen weitgehend der Macht entzogen. Wir können diese Geschichte aus demokratischer Perspektive darstellen und analysieren.

Die Schlösser und Gärten stehen für mehr als dreihundert Jahre Geschichte. Wie hat sich denn das Verhältnis von Kunst und Macht in dieser Zeit geändert?

Wenn wir heute an das Wortpaar Kunst und Politik denken, diskutieren wir fast immer Fragen der Kunstfreiheit. Das Konzept „Kunstfreiheit“ ist aber erst um 1800 erfunden worden – es wurde eine Grundlage der modernen Kunst. Das erste Mal wurde die Diskussion um Kunstfreiheit in den 1790er Jahren in der Berliner Akademie geführt. Davor ist die Verwendung dieses Begriffs nicht sinnvoll. Im Barock ist es sogar so, dass Hofkünstler häufig besonders frei waren. Wir haben also zunächst eine große, oft auch unproblematische Nähe von Kunst und Politik, bevor beide im 19. Jahrhundert Auseinanderrücken und ein Spannungspaar bilden.

Ein Schwerpunkt liegt auf Themen wie der NS-Aktion „Entartete Kunst“ oder der politischen Instrumentalisierung von Geschichte. Welche Verantwortung hat die Stiftung, solche schwierigen Kapitel nicht nur zu zeigen, sondern auch kritisch einzuordnen?

Die Schlösser und Parks der Stiftung sind Orte der Geschichte und Orte der Macht. Das ist ihr Kern. Unsere Aufgabe ist es, über diese Geschichte zu informieren und sie zur Diskussion zu stellen. Das ist im Prinzip bei Friedrich II. nicht anders als für die NS-Zeit. Die oft brutale Geschichte der Orte gerade im 20. Jahrhundert ist aber oft weniger bekannt. Deshalb ist die Information hier besonders wichtig 
Manche Gäste kommen zu uns mit der Hoffnung, eine spannungsfreie, friedliche und oft nostalgisch verklärte Geschichte zu erleben. Hier müssen wir natürlich zumindest die Informationen liefern, um ein differenziertes Geschichtsbild zu ermöglichen. Es steht dann jeder und jedem frei, sich mit diesen Informationen auseinanderzusetzen.
Das ist auch deshalb wichtig, weil unsere Gäste ja aus unterschiedlichsten Kontexten kommen. Polnische Gäste etwa denken automatisch an die Teilungen Polens, wenn sie preußische Schlösser besuchen. Viele Gäste gerade aus urbanen Zentren fragen automatisch nach globalen Zusammenhängen, wie Interkontinentalhandel und Versklavung. Es wäre unverständlich, wenn wir diese Aspekte nicht ansprechen.

Andere Projekte des Themenjahres stellen bewusst tradierte Narrative infrage, etwa die Mythisierung historischer Figuren wie Königin Luise. Wie gelingt es, zwischen historischer Vermittlung und kritischer Neubewertung die richtige Balance zu finden?

Historische Vermittlung und kritische Neubewertung sind zwei Seiten derselben Medaille. Historisch seriös vermitteln können wir nur, indem wir den neuesten Forschungsstand als Grundlage nehmen. Dass die Begegnung zwischen Napoleon und Luise politisch zu ihrer Zeit bedeutungslos war, aber um sie ein enormer Mythos aufgebaut wurde, ist der heutige Wissensstand und muss deshalb von uns auch vermittelt werden. Wir wollen, dass unsere Gäste sich mit dem aktuellen Wissen auseinandersetzen können.

Inwiefern verstehen Sie das Themenjahr auch als Beitrag zur politischen Bildung und zum gesellschaftlichen Dialog heute?

Die Fragen, die wir im Themenjahr diskutieren, sind heute sehr aktuell: Wie stellt sich Macht selbst dar? Welches Bild soll erzeugt werden? Wie erkennt man Widersprüche? Welche Behauptungen sind haltlos? Welche Entscheidungsspielräume haben Menschen? Wer diese Fragen in der Vergangenheit erkennt, ist für die Gegenwart besser vorbereitet.
 

Prof. Dr. Christoph Martin Vogtherr ist seit 2019 Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG). Die Fragen stellte Carlo Paulus, Mitarbeiter der Öffentlichkeitsarbeit der SPSG.

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