Liebe Frau Oberlinger, Sie sind nicht nur eine gefeierte Blockflötistin, sondern auch künstlerische Leiterin der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci. Was bedeutet diese Rolle für Sie – und was macht eine künstlerische Leiterin im Alltag eines Musikfestivals?
Als Musikerin ist man Gast bei sehr vielen Festivals und erhält dadurch einen umfassenden Einblick in die internationale Festivallandschaft. Programmatisch zu denken und zu arbeiten hat mich schon immer interessiert, und so war die Übernahme einer künstlerischen Leitung für mich eine ebenso reizvolle wie anspruchsvolle Aufgabe.
Festivalplanung ist ein kontinuierlicher, fließender Prozess: Wir sammeln Ideen, skizzieren Programme, konkretisieren Vorhaben und verwerfen sie gegebenenfalls auch wieder. Wir suchen nach spannenden Künstlerinnen, Künstlern und Ensembles, beobachten neue Entwicklungen, prüfen Projektideen auf ihre künstlerische wie finanzielle Umsetzbarkeit und überlegen, welche Programme an welchen Orten sinnvoll platziert werden können. Welche Spielstätten stehen zur Verfügung, welche Raumkapazitäten gibt es, und wie lassen sich Themen und Orte sinnvoll miteinander verbinden?
Nach und nach nimmt so jede neue Festspielzeit immer klarere Konturen an. Diese Arbeit geschieht selbstverständlich nicht allein, sondern im engen Austausch mit dem Dramaturgen und dem gesamten Festivalteam vor Ort.
Die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci sind eng mit der Geschichte und Architektur der preußischen Schlösser und Gärten verbunden. Wie beeinflusst dieser besondere historische Rahmen Ihre künstlerischen Entscheidungen?
Die Verbindung der Festspiele mit den preußischen Schlössern und Gärten ist ein zentraler Bestandteil unserer Identität. Allein ein Blick auf die Musikgeschichte dieses Ortes macht deutlich, welche Bedeutung er hat: Wer hier musikalisch gewirkt und welche Ereignisse hier stattgefunden haben, ist schlicht beeindruckend.
Wenn wir etwa den Orchestergraben des Schlosstheaters im Neuen Palais betreten, stehen wir möglicherweise an derselben Stelle wie im 18. Jahrhundert die Brüder Graun, Carl Philipp Emanuel Bach oder andere bedeutende Musiker ihrer Zeit. Johann Joachim Quantz, der Flötenlehrer Friedrichs II., wirkte hier ebenso wie der König selbst als Musiker und Initiator. Diese Nähe zur Geschichte kann durchaus ehrfurchtgebietend sein.
Man erlebt diese Orte wie auf einer Zeitreise, spürt ihre besondere Aura und Magie. In unseren Programmen versuchen wir immer wieder, diese historischen Gegebenheiten aufzugreifen und sie für das heutige Publikum nachvollziehbar und erlebbar zu machen.
Die Musikfestspiele haben sich zu einem kulturellen Höhepunkt des Potsdamer Sommers entwickelt. Können Sie uns etwas über die Geschichte des Festivals und seine Entwicklung erzählen?
Die heutigen Musikfestspiele gehen auf die Parkfestspiele zurück, die bereits zu DDR-Zeiten existierten. Anfang der 1990er-Jahre entwickelte Andrea Palent gemeinsam mit der Stiftung daraus die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci in ihrer heutigen Form.
Mit der Übernahme der künstlerischen Leitung im Jahr 2019 bestand meine Aufgabe darin, diese Tradition fortzuführen und zugleich behutsam weiterzuentwickeln. Ein besonderes Anliegen ist mir dabei, nahezu vergessene Werke wiederzuentdecken, die eng mit der Musikgeschichte Berlins und Potsdams verbunden sind. Einige dieser Wiederentdeckungen konnten wir seitdem realisieren; sie wurden inzwischen auch von anderen Festivals und Opernhäusern übernommen.
Der historisch informierten Aufführungspraxis verpflichtet, verstehen wir die Festspiele zugleich als lebendiges Forum für den aktuellen Umgang mit der europäischen Musikgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts. Neben etablierten, international renommierten Künstlerinnen, Künstlern und Ensembles laden wir jedes Jahr auch junge, aufstrebende Musikerinnen und Musiker ein und begleiten gemeinsam mit unserem Publikum die Entwicklungen der sogenannten Alten Musik.
Jedes Jahr steht das Festival unter einem neuen Motto. Nach welchen Kriterien wählen Sie dieses Thema aus – und wie entwickelt sich daraus das Programm?
Nicht selten kristallisiert sich das Motto einer Festspielzeit erst im Laufe der Programmplanung heraus, nachdem bereits mehrere konkrete Projektideen entstanden sind. In anderen Fällen steht das Thema von Anfang an fest und bildet den Ausgangspunkt für die gesamte Programmkonzeption.
Ein gutes Motto öffnet Räume, bietet vielfältige Deutungs- und Gestaltungsmöglichkeiten und erlaubt unterschiedliche Perspektiven.
Viele Besucherinnen und Besucher kommen nicht nur wegen der Musik, sondern auch wegen der besonderen Atmosphäre. Was macht die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci im Vergleich zu anderen Festivals einzigartig?
Es sind vor allem die außergewöhnlichen Spielorte, die wir für Konzerte und Opernaufführungen nutzen können. Mit seinen Schlössern und Parkanlagen verfügt Potsdam über eine der schönsten und zugleich eindrucksvollsten Kulturlandschaften weltweit.
Wir legen großen Wert darauf, für jede Spielstätte passende Programme zu entwickeln. Zudem verbinden wir die Musik immer wieder mit anderen Kunstformen – etwa Tanz, Theater, bildender Kunst, Gartenkunst, Kulinarik oder Film –, um neue Perspektiven und Erlebnisse zu eröffnen. So werden die Musikfestspiele zu einem echten Gipfeltreffen der Musen, bei dem die historische Bedeutung der Orte und ihr kulturelles Erbe lebendig erfahrbar werden.
Zum Schluss ein Ausblick: Worauf dürfen sich die Gäste in diesem Jahr besonders freuen?
Zu den Höhepunkten der kommenden Festspiele zählt sicherlich die Oper Cefalo e Procride von Giovanni Bononcini, eine Wiederentdeckung, die von der Akademie für Alte Musik Berlin in der Pflanzenhalle des Orangerieschlosses szenisch aufgeführt wird – mit einem hervorragenden Ensemble von Sängerinnen und Sängern.
Prunkvoll eröffnen wir die Festspiele am Alten Markt mit Händels Feuerwerksmusik, gemeinsam mit dem Ensemble Il Pomo d’Oro und Donna Leon als Ehrengast. Ein weiteres Highlight ist ein irisch-nordisches Sommernachtsprojekt: Musik von Purcell, Geminiani und anderen, verbunden mit finnischer Mittsommertradition, interpretiert vom Helsinki Baroque Orchestra und ergänzt durch Akrobatik – open air unterhalb des Orangerieschlosses an der Maulbeerallee.
Darüber hinaus präsentieren wir wieder zahlreiche spannende Konzerte. Und auch in diesem Jahr dürfen sich unsere Besucherinnen und Besucher erneut auf die sehr beliebten Fahrradkonzerte freuen.
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