1990 wurden die „Schlösser und Parks von Potsdam und Berlin“ UNESCO-Welterbe – als ein „außergewöhnliches Beispiel für die mit dem der Monarchie innewohnenden Konzept der Macht verbundene Architektursprache und Landschaftsentwicklung in Europa“, wie es in der Begründung hieß. Das Datum weist schon darauf hin, dass diese Entscheidung eng mit dem Fall der Mauer und der deutschen Vereinigung verbunden war.
Das „Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt“ wurde 1975 geschlossen. Drei Jahre später wurde die Liste des Welterbes (für kulturell herausragende Orte und für Naturdenkmäler außergewöhnlicher Bedeutung) eröffnet. West-Deutschland war von Beginn an vertreten. Mit dem Aachener Dom wurde die „Wiege Europas“ zum ersten UNESCO-Welterbe in der Bundesrepublik und zu einer der ersten zwölf Stätten weltweit. Hatte die Bundesrepublik das Abkommen umgehend ratifiziert, so folgte die DDR erst 1988 und bereitete nun als ersten Vorschlag für die Welterbe-Liste den Antrag für Potsdam vor. Ein Jahr später fiel die Mauer, die bis dahin die Potsdam-Berliner Parklandschaft brutal zerschnitten hatte. Sofort wurde von beiden deutschen Staaten gemeinsam die Erweiterung des Antrags auf die in West-Berlin gelegenen Gebiete vorbereitet. Im Dezember 1990 wurden die „Schlösser und Parks von Potsdam und Berlin“ zur ersten neuen Welterbestätte des vereinigten Deutschland und damit auch ein Symbol für das nun zusammenwachsende Europa. Seither hat der Welterbe-Titel im Selbstverständnis unserer Stiftung, aber auch in Potsdam und Berlin immer eine große Rolle gespielt. Und er hat besonders in den ersten Jahren den Erhalt dieser einmaligen Landschaft sehr unterstützt. In der Zeit nach dem Mauerfall, als die Stadtentwicklung von Immobilienspekulationen getrieben war und Entscheidungen notwendig sehr schnell, gelegentlich zu schnell getroffen werden mussten, hat der Welterbe-Status geholfen, behutsamer mit der Parklandschaft, der großen Idee und Qualität ihrer Gestaltung, umzugehen. Immer wieder diente die von der UNESCO bestätigte Einmaligkeit des Ortes und damit seine Schutzbedürftigkeit als Argument gegen maßstabslose oder unsensible Planungen.
Konzept im Wandel
Die wesentlichen stadtplanerischen Entwicklungen und auch die Konflikte rund um das Welterbe sind nunmehr großteils erfolgreich abgeschlossen beziehungsweise beendet. Dies ist rückblickend ein Grund für berechtigten Stolz. Heute ist der Welterbe-Status vor allem für den Tourismus und die Außenwahrnehmung der Berlin-Potsdamer Kulturlandschaft wichtig. Es gibt einen entwickelten und erfolgreichen Welterbe-Tourismus: Manche Menschen fahren gezielt an einen Ort, weil er Teil des UNESCO-Welterbes ist, und richten danach auch ihre Urlaubsplanung aus. Gleichzeitig ist der Begriff selbst – gerade bei jüngeren Menschen – deutlich weniger präsent, da das Konzept fremder geworden ist. Sollte es eine Welt-Rangliste von herausragenden Orten überhaupt geben? Wer entscheidet darüber und nach welchen Kriterien? Wie ist die weltweite Verteilung? Deutschland etwa ist reichlich repräsentiert (mit der drittgrößten Zahl von Welterbestätten nach Italien und China) und andere Länder und ganze Weltregionen versuchen dieses Ungleichgewicht auszugleichen. Diese Diskussion ist spannend, denn sie reflektiert, dass es keinen allgemein verbindlichen Maßstab für den kulturellen Wert gibt und dass der globale Blick unsere Wahrnehmung verändert. Die UNESCO-Welterbe-Liste entwickelt sich derzeit ganz grundlegend weiter, um nun wirklich die ganze Welt in den Blick zu nehmen, wie es der Titel schon immer versprochen hatte.
Was bedeuten dieser Titel und seine Geschichte für unsere Stiftung, für Potsdam und den Berliner Südwesten? Zuallererst ist er eine Quelle des Stolzes und eine Verpflichtung. Wir arbeiten für die Weltgemeinschaft, um ein universelles Erbe zu bewahren. Das ist Ansporn für unsere Arbeit und Motivation. Laut UNESCO-Vertrag sind die Staaten selbst für die Erhaltung des Welterbes zuständig. Die Bundesrepublik mit ihren Ländern ist diesem Auftrag bisher umfassend nachgekommen. In den kommenden Jahren müssen wir diese Anstrengungen – gerade angesichts der Folgen des Klimawandels – noch erhöhen. Auch für die staatliche Seite ist dieser Titel ein Ansporn. Die Pflege des Welterbes ist teuer und manchmal auch unbequem, denn hier müssen alle Rücksicht nehmen auf die Erhaltung der Welterbe-Stätte für kommende Generationen und heutige Bedürfnisse zugunsten der Zukunft gelegentlich zurückstellen. Manche sehen deshalb das Welterbe eher als Last denn als Lebensqualität oder transnationalen Auftrag. Wenn man mit offenen Augen und Herzen durch Potsdam geht, ist das schwer verständlich, denn die Parklandschaft macht jeden Tag ein wenig lebenswerter. Die Schönheit und historische Bedeutung des Potsdam-Berliner Welterbes können wir heute genießen und sollten dabei immer das Morgen im Auge haben. Die ersten 35 Jahre ist dies erfolgreich gelungen.
Prof. Dr. Christoph Martin Vogtherr ist Generaldirektor Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg
Der Beitrag ist zuerst erschienen im SPSG-Magazin SANS,SOUCI. 04.2025.
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