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Muscheln für den Kaiser

29. August 2025 Von Michael Wolf

Schloss Babelsberg ist seit vielen Jahren geschlossen. Im Herbst beleben Sonderführungen und Konzerte das Haus – und geben Geheimnisse seiner Geschichte preis. Wir freuen uns auf Erinnerungen und Gespräche mit unseren Gästen.

Die preußischen Schlösser sind steinerne Zeugen ihrer Zeit. Sie erzählen von der Kunstfertigkeit ihrer Erbauer und Gestalter sowie davon, wie die Bewohnerinnen und Bewohner gesehen werden, was sie ausdrücken und repräsentieren wollten. Noch eine andere Zeugenschaft kommt aber hinzu: In den Schlössern ist über die Jahrhunderte hinweg politisch viel geschehen. In den Sälen, Zimmern und Kammern hallen Ereignisse nach, die unsere Gegenwart bis heute maßgeblich prägen.

Das gilt auch und insbesondere für Schloss Babelsberg. Das Gebäude wurde 1833 von Karl Friedrich Schinkel im neu-gotischen Stil für den Prinzen Wilhelm von Preußen (später Kaiser Wilhelm I.) und seine Gemahlin Prinzessin Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach als Sommerresidenz errichtet und später deutlich erweitert. In den 1860er- bis 1880er-Jahren war es einer der wichtigsten Orte des gesellschaftlichen und politischen Lebens Preußens, das mit der Kaiserproklamation 1871 seinen Höhepunkt fand.

Das Schloss ist seit langem nur unregelmäßig geöffnet und wurde 1999 komplett leergeräumt. Nun kehren anlässlich von Sonderführungen im September und Oktober einige ausgewählte Exponate zurück, die von der Nutzungsgeschichte des Schlosses erzählen. Schlossleiter Jens Straßburger-Asbeck und Kustodin Dr. Silke Kiesant werden durch das Hauptgeschoss führen.

Hier rufen sie anhand zweier von dem deutschen Segelschiff „Minna“ in der Sulu-See (im Süden der Philippinen) gefischten Muschelhälften eine kaum bekannte Episode preußischdeutscher Außen-, Kolonial- und Handelspolitik in Erinnerung.

Der Betreiber der „Minna“, ein deutscher Kaufmann und Abenteurer namens Leopold Schück, hatte damals versucht, einen Vertrag zwischen dem Sultan von Sulu, Jamal ul-Azam, und dem Deutschen Kaiser zu vermitteln. Der Sultan erhoffte sich Unterstützung in einem Konflikt mit der Kolonialmacht Spanien, doch aus Rücksicht unter anderem auf die spanischen Interessen schlug Reichskanzler Otto von Bismarck das Bündnisangebot aus.

Von der Kolonialpolitik springen die Besucher:innengruppen einige Jahrzehnte weiter in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Babelsberg war damals einer der wichtigsten Auslagerungsorte für das Inventar der Potsdamer und Berliner Schlösser. In der Hoffnung, hier von Luftschlägen verschont zu werden, wurden Möbel und Gemälde im Schloss, in der Schlossküche sowie im Flatowturm gelagert.
Nach dem Krieg zogen in die Schlossräume zunächst die Richterschule der DDR, dann die Filmhochschule und schließlich das Museum für Ur- und Frühgeschichte ein. 

Von dieser letzten Nutzung während der DDR-Zeit erzählt unter anderem ein Gästebuch aus den Jahren 1988/89, das interessante Einsichten erlaubt, wie Kustodin Silke Kiesant verrät. „Mehrere Einträge haben sich kritisch dazu geäußert, dass das Museum ausgerechnet in diesem schönen Schloss untergebracht werden musste. Die damaligen Besucher haben nicht verstanden, warum hier Faustkeile und Bronzegefäße präsentiert werden und wollten mehr von der eigentlichen Architektur und Einrichtung sehen und über sie erfahren.“

Kiesant und ihr Kollege Straßburger-Asbeck ihrerseits freuen sich schon, mit ihren Führungsgästen ins Gespräch zu kommen und hoffen auf weitere Informationen. „Vielleicht hat der ein oder andere damals das Museum besucht und möchte etwas erzählen. Oder jemand bringt aussagekräftige Fotografien aus der Zeit mit. Für uns ist das alles interessant, und wir würden uns über weiteres Material sehr freuen.“

Neben den Sonderführungen wartet noch ein weiteres Highlight auf Babelsberg. Das Deutsche Filmorchester Babelsberg spielt im beeindruckenden Tanzsaal drei exklusive Kammerkonzerte mit zu den Themen der Führungen passender Musikauswahl. Und so laden beide Formate zu einer Neu- und Wiederentdeckung dieses besonderen Ortes ein.
 

Die Konzerte im Schloss sind bereits ausgebucht. Für einige Termine der Führungen gibt es aber noch Tickets: www.spsg.de/kalender-babelsberg

 

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