Blog der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg

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Wessen Tränen?

28. Juli 2023, veröffentlicht von SPSG

Die bildende Künstlerin Lizza May David ist auf den Philippinen geboren und lebt seit ihrer Kindheit in Berlin. Sie ist Malerin und transdisziplinäre Künstlerin und studierte an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, der École des Beaux Arts de Lyon in Frankreich und der Universität der Künste Berlin. In Form von abstrakter Malerei, Installationen und architektonischen Interventionen sowie kollektiven Arbeiten befasst sie sich mit den Leerstellen in persönlichen und kollektiven Archiven.

Für die Sonderausstellung „Schlösser. Preußen. Kolonial. Biografien und Sammlungen im Fokus“ produzierte Lizza May David ein Gemälde, dessen Maße der Umgebung ausgestellter Porzellanfiguren im zentralen Kunstdepot der SPSG entsprechen. Die Arbeit trägt den Titel „Wessen Tränen?“
 

Ihre Intervention in der Ausstellung ist ein Gemälde, das einen besonderen Bezug zum ZED, dem zentralen Kunstdepot der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten hat.

Das Bild setzt sich mit der Ausstellung an sich auseinander. Es geht mir überwiegend um koloniale Kontinuitäten und was für emotionale und körperliche Empfindungen dabei entstehen. Vor der Ausstellung habe ich an den Workshops teilgenommen, die ja so angelegt waren, dass wir in einer Art kollaborativer Zusammenarbeit bestimmte Aspekte von den ausgesuchten Objekten besprochen haben und an den entsprechenden Kapiteln für die Ausstellung kritisch mitwirken durften. Und es gab immer Momente, wo allein durch das Vorstellen überhaupt, das Ausmaß der Gewalt durchkam, das Ausmaß der Gewalt ist so groß, dass ich immer wieder in ein körperliches Schütteln komme. Beim Vor-Ort Sein im Depot habe ich diese Stimmung auch aufgenommen. Ich habe daher den Prozess einer emotionalen Landkarte entwickelt, Emotional Mapping, wo ich bestimmte Begriffen, die so im Prozess aufkamen, wie Wut, farblich übersetzt habe. Wut, das ist die Farbe Rot. Und dann gab es eine Farbe, die speziell eher mit schwarz war. Und diese farbliche Übersetzung kombiniert dann in so eine Art Mischungsverhältnis Farben, die sich dann zu so etwas Dunklem, Bräunlichem entwickelt hat.
 

Das Gemälde hat eine interessante Form. Woher stammt diese Form?

Die Außenform ist inspiriert von einer Arbeit, die ich im Depot des Rautenstrauch-Joest-Museums, dem ethnologischen Museum in Köln gemacht habe. Das Gemälde hier ist eine Ausrichtung an die Architektur des Zentraldepots der Stiftung. Und zwar habe ich mich entschieden, auf das Regal hinzuweisen, wo Porzellanfiguren, die auch hier in der Ausstellung im Raum ausgestellt sind, stehen. Die Außenmaße sind direkt abgeleitet aus den Regalen in den Depots, die ich damals besucht hatte. 1,88 m breit ist dieser Gang, an den Ecken hier sind Einbuchtungen, die darauf hinweisen. Ich beziehe mich auf die Architektur, statt zu reproduzieren oder zu zeigen, was es in den Depots gibt. Also statt die Figur nochmal darzustellen und damit das Rassistische daran nochmal zu reproduzieren, verweise ich auf die Architektur und damit auf die Struktur der Institution. Und was ist die Struktur der Institution? Das sind die Fragen, die damit einhergehen würden.

Diese Porzellanfiguren sind ja Figuren, figürliche Skulpturen. Wie haben sie sich damit auseinandergesetzt? Was zeigen diese Figuren und wie beeinflusst sie Ihre Arbeit oder Ihre Gedanken?

Was für mich explizit interessant ist, ist, sich die Zeit aus dem 17./18. Jahrhundert vorzustellen und deren Überlegungen zur Darstellung von anderen Kulturen. Ich habe mich gefragt, was die Menschen aus der Zeit damals getrieben hat, diese Figuren in diesen teilweise absurden Formen und Farben darzustellen. In der Malerei interessiert mich die Darstellung von Figuration und Abstraktion. In welchem Verhältnis kann das in der Malerei praktiziert werden? Und deswegen habe ich die beiden Ebenen abstrakte Malerei und die Darstellung der Tränen zusammengebracht.

Der Titel „Wessen Tränen?“ referiert ja auch auf einen bestimmten Künstler und ein Werk. Um wen handelt es sich?

Der Titel der Malerei verweist auf die Arbeit des amerikanischen Künstler Fred Wilson, geboren 1954. Er hat bereits in den 90er Jahren begonnen mit Interventionen in amerikanischen Museen im Zusammenhang und auch in der Infragestellung von Dekolonialisierung. „Mining the Museum“ ist eine Installation und ein Statement von ihm von 1994. Es geht mir bei dem Verweis auch um die Infragestellung der Malerei, im Kontext von Kolonialismus. Inwiefern kann ich überhaupt in dieser Ausstellung das Medium der Malerei verwenden, weil Malerei explizit mit der eurozentristischen Perspektive verbunden ist. Wie kann ich aus dieser Perspektive heraus, aus meinem eigenen situiert sein, aus der Ausbildung, die ich hier in Deutschland genossen habe: Wie kann ich mich selber da dekolonialisieren? Auch weil die Geschichte der Sklaverei jetzt nicht in meinen Ahnen oder meinem Erbe verankert ist. Aber ich kann mich empathisch oder solidarisch dazu verhalten, weil ich von den Philippinen komme und durch die 350 Jahre spanische Kolonialisierung dementsprechend auch Verbindungen herstellen kann.
 

Neben dem Gemälde ist auch eine Postkarte für die Ausstellung entstanden.

Die Postkarte ist der Schlüssel bzw. ein Hilfsmittel, um darauf zu verweisen, wie das Depot vor Ort ausschaut. Es gibt eine schwarz-weiße Fotografie vom Depot und darauf ist der Entwurf der Malerei mit den Tränen zu sehen. Ich frage, wessen Tränen sind damit überhaupt gemeint, wenn es um die Kolonialgeschichte in deutschen Museen geht? Diese Frage gebe ich an die Besucher:innen weiter. Und ich habe auch noch eine zweite Karte gemacht, sie nennt sich „Wessen Tränen? (Sonnenblumenhaus)“. Darauf ist eine Zeichnung zu sehen mit den drei Sonnenblumen von Rostock Lichtenhagen, also dem Schauplatz und dem Symbol für das Progrom. Damit verweise ich auf die Gewalt, die in den 90er Jahren bis heute in Deutschland passiert. Und meine Frage ist, lässt sich eine Beziehung zwischen den Kolonialfiguren oder den Porzellanfiguren, die hier zu sehen sind, zum Progrom in Rostock Lichtenhagen herstellen? Und wenn ja, wie? Und wie hängt das alles zusammen? Auch diese Frage gebe ich den Besucher:innen mit.

 

Das Interview ist ein Auszug aus einem filmischen Interview mit der Künstlerin Lizza May David für die Sonderausstellung im Schloss Charlottenburg.

Auswahl und Transkription: Birgit Morgenroth

 

Schlösser. Preußen. Kolonial.
Biografien und Sammlungen im Fokus
Sonderausstellung
4. Juli – 31. Oktober 2023
Schloss Charlottenburg – Neuer Flügel, Spandauer Damm 10-22, 14059 Berlin

www.spsg.de/kolonial

 

 

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