Blog der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg

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Annäherung an die koloniale Vergangenheit

24. Juni 2022, veröffentlicht von SPSG

Die koloniale Vergangenheit und das koloniale Erbe in unseren Schlössern und Gärten beschäftigt auch die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Seit Dezember 2020 gibt es eine Gruppe von Mitarbeiter:innen aus verschiedenen Bereichen der Stiftung, die sich mit der Aufarbeitung dieses Erbes befassen. Sie untersuchen sehr genau und kritisch die Sammlung nach kolonialen Kontexten.

Von Jürgen Becher
 

Sehr wahrscheinlich gibt es keine Objekte in der Stiftung, die einen kolonialen Erwerbungshintergrund haben und dann zurückgegeben werden, doch es sind Skulpturen, Möbel und andere Sammlungsobjekte vorhanden, bei denen ein Zusammenhang mit europäischem Kolonialismus und Eurozentrismus besteht. In jedem einzelnen Fall werden die Beschreibungen der Objekte überprüft: Entsprechen sie den tatsächlichen historischen Gegebenheiten der abgebildeten Motive oder müssen wir sie ändern, oder müssen sie mit ihrem historischen Hintergrund erläutert werden?

Wir widmen uns dabei auch der Sprache. Es gibt immer noch problematische Begriffe – wie die Worte „Mohr“ oder „exotisch“ – in den Titeln, in Flyern, in Ausstellungstexten und Schildern. Die Darstellung verschleppter Menschen in den Sammlungen der SPSG ist ein Hauptaugenmerk der Gruppe. Intern wie auch für unsere Besucher:innen ist es fundamental, transparent und offen mit dieser Vergangenheit umzugehen, Informationen und Hintergründe zur Verfügung zu stellen.

Auf unserer Webseite werden die Objekte, mit denen wir uns beschäftigen und auch die Änderungen oder Erläuterungen dargestellt.

Was ist bereits geschehen?

Eines der ersten Maßnahmen der Stiftung war die Rückbenennung des seit Mitte des 20. Jahrhunderts so benannten „Mohrenrondells“ in „Erstes Rondell“ – einem Namen, der schon im 19. Jahrhundert in alten Reiseführern Verwendung fand.

Was sind unsere derzeitigen Projekte?

Augustin Terwesten, Allegorie auf den Erdteil Amerika, 1694, GK I 5178
Augustin Terwesten, Allegorie auf den Erdteil Amerika, 1694, GK I 5178 © SPSG / Wolfgang Pfauder

Die großflächigen Gemälde, sogenannte Erdteilallegorien, stammen von dem niederländischen Historienmaler Augustin Terwesten (1649-1711) und wurden 1694 hergestellt. Sie wurden vermutlich von Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg in Auftrag gegeben und von diesem genutzt, um seinen Hoheitsanspruch und seine Position, sowie die des Kurfürstentum Brandenburgs, zu verdeutlichen. Jedes dieser großformatigen Gemälde zeigt eine Allegorie (Sinnbild) von einem der vier Kontinente Europa, Asien, Afrika und Amerika, in Gestalt junger Frauen. Jeder Erdteil wird verallgemeinert, jedoch oftmals auch stereotyp, dargestellt. Europa ist von kulturellen Gütern umgeben. Asien repräsentiert ihren Reichtum. Afrika und Amerika befinden sich in der Wildnis und sind von kostbaren Rohmaterialien umgeben. Damit wird den Betrachtenden eine Hierarchie der vier abgebildeten Kontinente präsentiert. Die Allegorien gehörten einst zur Ausstattung des Berliner Schlosses, befinden sich heute jedoch in Schloss Charlottenburg im Treppenaufgang des Altes Schlosses.

Wir überarbeiten den Multimediaguide und den Schlossführer Charlottenburg, um auf diese Stereotype aufmerksam zu machen und bereiten einen Aufsteller mit Text zu den kolonialen Kontexten der Terwesten-Gemälde vor.

Im Schloss Caputh

Im Schloss Caputh werden gleich zwei Objekte ausgestellt, mit denen sich die Stiftung beschäftigt: eine Gruppe von Büsten Schwarzer Menschen und das Deckenbild in der Porzellankammer.

Die Büsten zeigen insgesamt vier Figuren, die afrikanische Personen abbilden sollen. Sie standen einst in dem Ersten Rondell des Schlossgartens Sanssouci, wurden jedoch aus konservatorischen Gründen in das Schloss Caputh umgesiedelt. Sie entstanden zur Zeit der kolonialen Aktivitäten des Kurfürstentums Brandenburg im heutigen Ghana.

Das Deckenbild der Porzellankammer stellt zwei Figuren in seinem Zentrum dar. Eine weiße Frau mit Krone und eine Schwarze Frau mit üppigem Blumenkranz. Nach Entschlüsselung des Motivs, wie auch seiner Vorlagen, wird recht schnell erkennbar, dass es sich bei dem Bildnis vermutlich um eine Allegorie auf die Vorrangstellung des Kontinents Europas handelt, welche sich zugleich auf die militärischen, kolonialen und kulturellen Entwicklungen im 16. und 17. Jahrhundert gestützt haben wird.

Hier wird der Text des Raumaufstellers in der Porzellankammer überarbeitet, der die kolonialen Kontexte der Büsten und des Deckenbildes erläutert.

Im Schloss Oranienburg

Im Schloss Oranienburg befinden sich mehrere Objekte mit kolonialen Bezügen. Bei den Elfenbeinmöbeln, die in dem Schloss ausgestellt werden, handelt es sich um eine von dem Gouverneur der niederländischen Westindien-Kompagnie in Brasilien, Johann Moritz von Nassau-Siegen, um 1640 in Auftrag gegebene Anfertigung einer Möbelgarnitur. Heute sind von der Garnitur noch Bank, ein Armlehnstuhl, ein Hocker, ein Tisch, sowie zwei Leuchtertische erhalten.

Vor Ort befindet sich auch das Porträt Otto Friedrich Graf von der Groebens mit einem Afrikaner und dem Plan der afrikanischen Handelskolonie Großfriedrichsburg, die die Möbelgarnitur thematisch ergänzen.

Wir installieren im Raum Fensterbanner, die mit Texten und einem QR-Code, der auf unsere Homepage verweist, die kolonialen Bezüge verdeutlicht.

Im Schloss Sanssouci

Die zwei heute ausgestellten Büsten Schwarzer Menschen sind das Ersatzpaar eines anderen Statuenpaares, das heute verschollen ist, jedoch seit dem 19. Jahrhundert in der Kleinen Galerie nachgewiesen werden kann. Genaue Informationen zur Herkunft der Büsten sind nicht bekannt. Dennoch lässt sich vermuten, dass sich diese Büsten in eine gewisse europäische Faszination mit dem „Exotischen“ innerhalb der (Frühen) Neuzeit einordnen lassen.

Wir aktualisieren derzeit die Texte im Audioguide des Schlosses und den schriftlichen Publikationen.

 Am Neuen Palais

Diese Laternenträger gehören zu den durchaus präsenten Objekten der Sammlung mit kolonialen Kontexten. Besonders auch deshalb, da sie sich im Park Sanssouci vor dem Neuen Palais befinden. Sie gehören zu einer Gruppe von insgesamt 54 Figuren, die um das Neue Palais herum positioniert sind. Der Auftraggeber Kaiser Wilhelm II., der die Terrassenanlage in Auftrag gab, stellte anhand der Vielzahl von Figuren seine mythologischen und historischen Vorstellungen verschiedener Völker dar, zu denen auch die beiden afrikanischen Laternenträger gehören.

Erstmalig werden die Figuren als Schwarze Menschen in unseren Publikationen erwähnt. Wir forschen zu den Motiven der Darstellung, sowie der Herkunft und Namen der Portraitierten, um ihnen ihre Identität zurückzugeben. Wie auch bei anderen Objekten haben wir zu diesen speziellen Fragen noch keine endgültigen Antworten.

Wie geht es weiter?

In den nächsten Monaten werden wir uns konkret mit den Porträts Johann Moritz von Nassau-Siegen und Otto Friedrich Graf von der Groeben (Schloss Oranienburg), sowie dem Paretzer Schlitten mit aufgesteckter Büste eines Schwarzen Menschen (Schloss Paretz) befassen. Außerdem werden wir die Diskussion zum Umgang mit Sprache im kolonialen Kontext weiterführen. Im Fokus liegt dabei: wie gehen wir mit „problematischen“ Begriffen um und welche Vermittlungsschwerpunkte setzen wir?

Ein wichtiges Projekt der Stiftung ist das Pilotprojekt der Länder „3 Wege-Strategie für die Erfassung und digitale Veröffentlichung von Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland“. Dabei geht es darum, Objekte aus kolonialem Kontext weltweit über das Internet (Deutsche Digitale Bibliothek), und damit vor allem für die Herkunftsgesellschaften, sichtbar zu machen. Die SPSG hat (nach derzeitigem Stand) selbst zwar keine Objekte, die in der Kolonialzeit zum Beispiel in Afrika oder Asien erworben (z.B. geraubt, gekauft oder geschenkt) wurden, ist aber im Land Brandenburg die Einrichtung mit den meisten Sammlungsobjekten, die in irgendeiner Form, insbesondere durch die abgebildeten Personen oder Gegenstände, Bezüge zum europäischen Kolonialismus aufweisen. Ein erstes Ergebnis wurde Ende 2021 veröffentlicht. Darin werden zur Zeit auch 68 Objekte der SPSG präsentiert.

Der Jahresschwerpunkt der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg im Jahr 2023 lautet „Churfürst – Kaiser – Kolonien“. Die Annäherung an die koloniale Vergangenheit und die Arbeit der Gruppe werden dabei in einer Sonderausstellung thematisiert. In Vorbereitung der Ausstellung lädt die SPSG Wissenschaftler:innen aus dem In- und Ausland ein, Werke in ihren Sammlungen aus neuen Perspektiven zu betrachten. Der Auftakt findet am Samstag, 25. Juni 2022 im Schloss Oranienburg statt.

Veranstaltungstipp:
Sa., 25.06. / 12 Uhr  Schlossmuseum Oranienburg
Annäherung an die koloniale Vergangenheit

Führung, Vortrag und Diskussion
8 | 6 €
Anmeldung: 03301.53 7-437 oder schlossmuseum-oranienburg(at)spsg.de
Treffpunkt: Schlosskasse
bedingt barrierefrei

Weitere Informationen >

 

 

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