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Wo Friedrich der Große pudern ließ, nahm der Kaiser ein Bad: Die Badekabinette im Neuen Palais

10. Dezember 2017, veröffentlicht von Elvira Kühn

Das Neue Palais, 1763 bis 1769 von Friedrich dem Großen in Sanssouci errichtet, ist wie kaum ein anderes Schloss in Europa im Original erhalten. Selbst in der Kaiserzeit, als die Bewohner auf die Errungenschaften der frühen Moderne nicht mehr verzichten wollte, nahm man Rücksicht auf das große Vermächtnis des Königs: Die Bäder verschwanden dezent in Puderkammern oder Schränken.

Das Neue Palais war nach dem Siebenjährigen Krieg die weithin sichtbare Fanfaronade Friedrichs des Großen, aber eben auch der Schlussakkord des friderizianischen Rokoko: Die so kostbaren wie raffinierten Raumschöpfungen beeindruckten noch 17 Jahre lang die Hofgesellschaft und die Gäste, dann wurde das Schloss nur noch für größere Festlichkeiten genutzt.

Die Marmorgalerie, einer der Festsäle im Neuen Palais, blieb in ihrer ursprünglichen Ausstattung erhalten. Foto: Hans Bach

Erst 1859 kehrte wieder Leben ein in das Schloss: Der spätere Kaiser Friedrich III. und seine Frau Victoria wohnten regelmäßig im Schloss. Victoria, die britische Prinzessin aus dem Hause Sachsen-Coburg und Gotha, muss entsetzt gewesen sein, als sie hier die gewohnten Annehmlichkeiten suchte: Das Neue Palais, nun aus Achtung vor dem großen Vorfahren Schloss Friedrichskron genannt, hatte seinen friderizianischen Charme im Original erhalten, zu finden waren weder Bäder und Toiletten noch eine akzeptable Heizung.
Bald darauf erlebte das Neue Palais seine ersten Veränderungen, dies allerdings unter größter Wahrung des Originals: Bäder und Toiletten sowie die Leitungen verschwanden in Puderkammern, Wandzwischenräumen und sogar in einem barocken Holzschrank, um die friderizianischen Räume nicht in ihrer Wirkung zu beeinträchtigen.
Kaiser Wilhelm II. und seine Gemahlin Auguste Victoria, die das Neue Palais ab 1889 mehrere Monate im Jahr bewohnten, ließen das Haus weiter modernisieren – bis sie nach dem Ende der Monarchie 1918 ihre Koffer packten und in die Niederlande abreisten.

SPSG-Mitarbeiter Jörg Kirschstein erzählt in seinem Buch „Das Neue Palais in Potsdam. Familienidyll und kaiserlicher Glanz“ die spannende Geschichte vom größten und letzten Schlossbau Friedrichs des Großen – von seiner Einweihung über die Kaiserzeit, die NS- und die DDR-Zeit bis in die Gegenwart.

Hier ein Auszug aus dem Buch zur Modernisierung des Neuen Palais zur Kaiserzeit:




„Einbau von Bädern und Toiletten

Als der kaiserliche Hof unter Wilhelm II. das Neue Palais im Frühjahr 1889 zum ersten Mal bezog, waren in den Schlafzimmern des Kaiserpaares bereits sanitäre Anlagen wie Toiletten mit Wasserspülung und Badekabinette vorhanden. Die Eltern des Kaisers hatten die sanitären Anlagen in den 1860-er Jahren einbauen lassen. Die Ausstattung war verhältnismäßig schlicht.

Das Badekabinett Wilhelms II. lag zunächst in einem kleinen Verschlag, der sich im Durchgang zwischen dem Schlaf- und seinem Toilettenzimmer befand. Der kleine Raum entsprach nicht mehr den gestiegenen hygienischen Ansprüchen des Herrschers. Stattdessen entstand im Jahr 1903 in seinem Toilettenzimmer in einer ehemaligen Puderkammer ein neues Badezimmer.

Badezimmer Kaiser Wilhelms II., 1903 in eine ehemalige Puderkammer eingebaut

Die Wände waren mit niederländischen Fliesen versehen worden. Jede der handgemalten weiß-blauen Fliesen zeigt ein anderes historisches Motiv. Neben einer Zinkgusswanne, die in einer weiß gefassten Holzverschalung eingebaut war, gehörte ein Bidet zur Ausstattung des Bades. Über der Wanne befand sich ein fest eingebauter Duschkopf, so dass der Kaiser zwischen Wannenbad oder Duschbad wählen konnte. Drei Knöpfe mit einem Kristallknauf trugen die Bezeichnung „Kalt, Warm, Brause“. Die Toilette war separiert, sie befand sich in einer Wandnische.

Das Badekabinett der Kaiserin, 1898 mit „Kacheln in Delfter Manier“ geschmückt

Die Kaiserin nutze in ihrem Toilettenzimmer ein Badekabinett, das bereits ihre Schwiegermutter Victoria eingebaut hatte. Die Wände waren lediglich mit einer weiß gefassten Holzvertäfelung versehen worden. Erst 1898 erfolgte eine Aufwertung, indem man die Wände ebenfalls mit blau-weißen „Kacheln in Delfter Manier“ flieste.

Beim Ausbau der Wohnungen für die Kinder im zweiten Stockwerk sind 1889 die Bäder und Toiletten neu entstanden. Die Ausstattung richtete sich nach dem Rang der Kaiserkinder. Das Bad des Kronprinzen hatte eine luxuriösere Ausstattung erhalten als dies bei seinen jüngeren Brüdern der Fall war. Während über der Wanne des Thronfolgers ein blauer Fliesenspiegel vorhanden war, sind die Bäder der anderen Kaiserkinder nur mit Ölfarbe gestrichen und grau marmoriert worden.
Neben jeder Wanne stand ein kupferner Badeofen, nur beim Kronprinzen war darauf verzichtet worden. Hier war der Badekessel, wie in den Bädern des Kaiserpaares, im Keller aufgestellt worden. So wurde die Schmutz verursachende Befeuerung aus den Bädern heraus in das Sockelgeschoss verlegt. Ein Grundriss des Kellergeschosses nennt neun Heizkessel zur Aufbereitung des Badewassers. Außer den Bädern des Kaiserpaares und des Kronprinzen wurden alle Gästewohnungen, die Bäder der Hofdamen, der Adjutanten und des Oberhof- und Hausmarschalls vom Keller aus befeuert.

1891 erhielten auch die Gästeappartements neue sanitäre Anlagen, die des Prinzen von Preußen wurde in einem Schrank „versteckt“. Foto: Hagen Immel

Mit dem Ausbau des Neuen Palais als kaiserliches Wohnschloss wurden bis 1896 neun Wohnungen für fürstliche Gäste geschaffen. Die bereits vorhandenen Appartements sind modernisiert worden, um die Gäste standesgemäß unterbringen zu können. Die Schlafzimmer wurden 1891 mit neuen sanitären Anlagen ausgestattet, so dass sie den Standards moderner Hotelbauten entsprachen. Wenn keine Wandnische zum Einbau von Bädern vorhanden war, nutze man historische Barockschränke, um darin Badewannen unterzubringen. Auf diese Weise bleib der barocke Raumeindruck gewahrt.“



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Europa war beeindruckt: Das Neue Palais von Sanssouci. Foto: Hans Bach

Übrigens: Wir werden ab dem 16. Juni 2018 anlässlich des 100. Jahrestages des Endes der Monarchie im November 1918 eine Ausstellung im Neuen Palais ausrichten: Mit der Schau „Kaiserdämmerung“ sollen die Ereignisse im Neuen Palais erzählt werden – von 1918 bis 1927, als der Kaiser die Koffer packte, Staat und Kaiser über Kunstwerke und Liegenschaften stritten, Herrschaftshäuser zu Museen wurden – und Friedrich der Große wieder in das Neue Palais zurückkehrte. Es werden Begegnungen mit bisher eher unbekannten Seiten eines mächtigen Schlosses sein.

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