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Reformationsjubiläum: Kunst aus der Werkstatt Cranachs d. J.

31. Oktober 2017, veröffentlicht von Alisha Sojka

Am 31. Oktober 2017 jährt sich der Thesenanschlag Martin Luthers an der Tür der Wittenberger Schlosskirche zum 500. Mal. Gemälderestauratorin Anja Wolf nimmt das Reformationsjubiläum zum Anlass, um ein Gemälde des Wittenberger Malers Lucas Cranach d. J. vorzustellen, das uns nach seiner technologischen Untersuchung überraschende Dinge erzählt.

Lucas Cranach d. Ä. (1472–1553) und seine Frau Barbara waren mit Martin Luther und dessen Frau Katharina von Bora nicht nur durch Traubezeugung und gegenseitigen Taufpatenschaften eng verbunden. Der sächsische Hofmaler Cranach trug mit seiner manufakturartigen Produktion von Lutherbildnissen sowie der Erfindung protestantischer Bildthemen maßgeblich zur Verbreitung des „neuen Glaubens“ bei. Sein Sohn Lucas Cranach d. J. (1515–1586) ist ab 1537 als Maler im Betrieb seines Vaters nachweisbar. 1550 übernahm er die Werkstatt und führte sie 30 Jahre lang als gefragter Porträtist bedeutender Persönlichkeiten seiner Zeit sowie als Maler reformatorischer Themen erfolgreich weiter. Dennoch wurde sein Oeuvre von der kunsthistorischen und kunsttechnologischen Forschung lange Zeit vernachlässigt. Dies sollte sich 2015 ändern, als ihm im Rahmen der Lutherdekade erstmals eine eigene Reihe von Ausstellungen und Veranstaltungen gewidmet wurden. Ein interdisziplinär angelegtes Symposium 2014 in Wittenberg bildete dafür die wissenschaftliche Grundlage. In diesem Rahmen wurde die kunsttechnologische Untersuchung des Werkes „Taufe Christi“ von 1556 aus dem SPSG-Besitz vorgestellt:

Lucas Cranach d. J., Taufe Christi, 1556 © SPSG / Foto: Gerald Schulz

Die „Taufe Christi“ (62 x 82 cm) ist auf das Jahr 1556 datiert und trägt mit der geflügelten Schlange das charakteristische Signet der Cranachwerkstatt. Das Taufgeschehen spielt sich vor der Kulisse der Residenzstadt Dessau im Beisein einer größeren Gruppe von Personen in der typischen Kleidung ranghoher Persönlichkeiten des 16. Jh. ab. Das Gemälde gilt als protestantisches Bekenntnisbild, das vermutlich von Joachim von Anhalt in Auftrag gegeben und 1818 aus unbekanntem Besitz von den Hohenzollern erworben wurde. Seine genaue Bedeutung war vor allem deshalb bis heute unklar, weil einige der Dargestellten nie zweifelsfrei identifiziert werden konnten. Im Zuge der technologischen Untersuchung des Gemäldes konnten nun erstmals nahezu alle Personen auf dem Gemälde durch sorgfältige Vergleiche mit anderen Werken Cranachs d. J. zugeordnet werden:

Links: Detail aus Abb. 1; rechts: Lucas Cranach d. Ä., Kurfürst Joachim II. von Brandenburg, ca. 1570 © SPSG / Foto: Gerald Schulz

Bei dem kostbar gekleideten Paar im Vordergrund dürfte es sich um den Brandenburgischen Kurfürsten Joachim II. und seine zweite Gemahlin Hedwig von Polen handeln (beide Porträts sind heute im Jagdschloss Grunewald zu sehen). In der zweiten Reihe, mehrheitlich durch ihre schwarzen Gewänder als Protestantische Fürsten kenntlich gemacht, stehen die drei anhaltinischen Brüder Johann IV., Georg III. und Joachim I., sowie deren Vetter Wolfgang (alle auf dem „Dessauer Abendmahl“ von 1565); daneben vermutlich Johann von Küstrin, der Bruder des Brandenburgischen Kurfürsten sowie Wolfgang von Barby (dieser auf dem „Epitaph für Wolfgang von Anhalt“ von 1568). Dass sich alle abgebildeten Fürsten zum Lutherischen Glauben bekennen, wird durch die anwesenden Wittenberger Reformatoren in der dritten Reihe bezeugt. Hier erkennt man neben Martin Luther und Philipp Melanchthon auch Caspar Cruciger, Johann Forster und Georg Major (alle auf dem „Dessauer Abendmahl“). In der Reihe dahinter, umgeben von der nächsten Generation der anhaltischen Fürsten, ist der Vater des Malers, Lucas Cranach d. Ä. zu sehen (Porträt von 1550 in den Uffizien in Florenz). Bei dem dunkelhaarigen Mann neben ihm, könnte es sich um Lucas Cranach d. J. selbst handeln (sein Selbstporträt auf dem „Dessauer Abendmahl“).

Detail aus Abb. 1, schwarze Pfeile markieren die roten Stiftlinien des Quadratrasters © SPSG / Foto: Gerald Schulz

Aber nicht nur aus kulturhistorischer Sicht ist die Taufe Christi interessant. Auch kunsttechnologisch bot ihre Untersuchung einige Überraschungen. Bei Betrachtung des Gemäldes im Stereomikroskop kann man erkennen, dass unter der Malschicht ein mit rotem Stift gezeichnetes Quadratraster auf der hellen Grundierung der Holztafel liegt. Seine Kreuzungspunkte weisen jeweils einen Abstand von ca. 12 cm auf. Die sogenannte Quadrierung ist ein wohlbekanntes Hilfsmittel in der Mal- und Zeichenkunst, um eine Vorlage maßstabgerecht auf das endgültige Medium zu übertragen. Auf Gemälden des 16. Jahrhunderts konnte sie bisher aber selten nachgewiesen werden. Lucas Cranach d. J. setzte diese Technik wohl häufiger ein, denn neueste Untersuchungen konnten auch auf zwei weiteren Gemälden ein Quadratraster nachweisen („Dessauer Abendmahl“ und „Epitaph für Wolfgang von Anhalt“).

Schematische Darstellung des Quadratrasters © SPSG / Foto: Gerald Schulz

Betrachtet man die Quadrierung auf der Taufe genauer, fällt auf, dass sie nicht nur zur Übertragung einer Vorzeichnung auf den Malgrund gelegt wurde. Cranach nutzte sie auch zur Gliederung seiner Komposition.So ist z.B. die Figur des Gottvaters genau innerhalb eines Quadrates platziert. Eine Horizontallinie markiert die Position der Augenpaare einiger Figuren mit der Taube des Heiligen Geistes, eine weitere die der Hände mit den Augen Christi und der Horizontlinie. Die Figur Christi liegt innerhalb von zwei senkrechten Rasterlinien. Auch die Aufteilung des Bildraumes bezieht sich auf das Raster. So nehmen der Bildvordergrund sowie der Mittelgrund jeweils eine Quadratreihe ein, während dem Himmel drei Quadratreihen zugewiesen werden.Die Unterzeichnung der Malerei wurde mit rotem und schwarzem Stift über das Quadratraster gelegt. Während die roten Linien nur im Stereomikroskop zu erkennen sind, konnten die schwarzen Linien auch mit der sog. Infrarotreflektographie sichtbar gemacht werden. Sie zeigen eindeutig den charakteristischen Duktus Lucas Cranachs d. J., wie wir ihn von Unterzeichnungen weiterer Gemälde und von seinen Handzeichnungen kennen.

Lucas Cranach d. J., Taufe Christi, 1556 Kupferstichkabinett © SMB / Foto: Jörg P. Anders

Auch zum Gemälde der Taufe Christi hat sich eine Handzeichnung auf Papier in Form einer sog. Präsentationszeichnung für den Auftraggeber erhalten (Kupferstichkabinett, Berlin). Die Abweichungen zum tatsächlich ausgeführten Gemälde sind augenfällig, jedoch lassen sich hinsichtlich ihres Formates erstaunliche Bezüge zum Tafelbild herstellen. Vergrößert man die Zeichnung ohne die gemalte Rahmung um den Faktor 5, ist sie deckungsgleich mit den äußeren Horizontallinien des Quadratrasters und dem rechten und linken Malrand. Solche maßstäblichen Bezüge zwischen Vorzeichnung und Gemälde kennen wir bereits aus der Werkstattpraxis Lucas Cranachs d. Ä. Leider hat sich die unmittelbare Vorzeichnung für die Taufe Christi nicht erhalten. Es ist jedoch anzunehmen, dass sie ebenfalls durch ein Quadratraster gegliedert war. So kennen wir mindestens zwei weitere Zeichnungen von Lucas Cranach d. J. aus den 1540er Jahren, die ebenfalls Quadrierungen aufweisen („Christus segnet die Kinder“, Museum der bildenden Künste Leipzig, „Christus in der Vorhölle“, Kupferstichkabinett Berlin). Die Zeichnung der Vorhölle konnte im Rahmen der Untersuchung der „Taufe Christi“ in Kooperation mit den Restauratoren des Kupferstichkabinettes ebenfalls untersucht werden. Es zeigte sich, dass auch auf der „Vorhölle“ ein schwarzes mit dem Stift gezeichnetes Quadratraster zur räumlichen Gliederung des Entwurfes genutzt wurde. Zusätzlich konnten hier auch noch diagonal verlaufende, den Bildraum gliedernde Linien nachgewiesen werden.
Die Untersuchungen legen nahe, dass Lucas Cranach d. J., vermutlich stärker als sein Vater, an messbaren Ordnungsprinzipien in seinen Zeichnungen und Gemälden interessiert war. Dass er damit auch seine theologischen Überzeugungen in seine Bildschöpfungen eingeschrieben hat, formulierte die Historikerin Ruth Slenczka so:“ [das Quadratraster] ist das Idealmaß, von dem Cranach – ähnlich wie die Baumeister mittelalterlicher Kathedralen – die gesamte Komposition ableitete. Die Komposition verweist auf diese Weise in jedem einzelnen, in die Quadratstruktur eingepassten Bildelement auf den Himmlischen Schöpfer und auf die Vollkommenheit seines Heilsplans.“

Sind sie neugierig geworden? Dann lohnt sich ein Besuch im Jagdschloss Grunewald. Neben zahlreichen Kunstschätzen, gibt es im ältesten Berliner Schlos am Grunewaldsee knapp 30 Granach-Gemälde zu entdecken,

Einen ausführlichen Aufsatz zur Untersuchung der „Taufe Christi“ sowie zahlreiche weitere Aufsätze der neuesten Forschung zu Cranach d. J. finden Sie in dem Buch „Lucas Cranach der Jüngere und die Reformation der Bilder“, herausgegeben von Elke A. Werner, Anne Eusterschulte und Gunnar Heydenreich, Hirmerverlag München, 2015.


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