Blog

„Nun will ich mich ordentlich niederlegen.“

17. August 2016 Von Jürgen Luh

Vor 230 Jahren, am 17. August 1786, stirbt König Friedrich II., der Große, im Schloss Sanssouci: Umgeben von Ärzten und Vertrauten, auf deren Rat er jedoch selten hörte. Über die letzten Wochen, Tage und Stunden des schwer kranken Monarchen – der trotz seines Leidens bis zuletzt ein Genussmensch war.

Dr. Jürgen Luh ist zuständig für Wissenschaft und Forschung in der SPSG und Direktor des Research Center Sanssouci (RECS)

Friedrich war ein eigensinniger Mensch. Als König von Preußen konnte er sich das leisten. Allerdings tat ihm dieser Eigensinn nicht immer gut – wie sich vor allem in seinem letzten Lebensjahr zeigte. Meist krank und erschöpft, wollte er doch nicht auf den Rat seiner Ärzte hören. So dachte er nicht im Entferntesten daran, seine schädlichen Ess- und Trinkgewohnheiten zu ändern. Obwohl er durch das Beispiel seines Vaters gewarnt war, stellte er das Vergnügen und die Lust an Essen und Trinken, die er lebenslang empfand, über die Gefahren und Leiden, die für seinen Körper vom übermäßigen Genuss reichhaltiger Speisen und schwerer Getränke ausgingen – was in dieser Konsequenz seinem Eigensinn einen sympathischen Zug abgewinnt.

Friedrich war sich sicher, der Wassersucht – ein Kennzeichen für Herzschwäche oder Nierenentzündung oder Leberzirrhose, die seinem Vater das Leben zur Qual gemacht hatte – nicht entgehen zu können. Doch er tröstete sich damit, dass der Vater diese Krankheit lange ausgehalten habe. „Steiget sie in den Leib, sagte Er, und er hat einen gewissen Umfang bekommen, so läßt man ihn punctiren. Ich kann immer noch Jahr und Tag leben.“

Da Friedrich sich seit Jugendjahren für einen Heilkundigen hielt, glaubte er, seine Leiden selbst am besten behandeln zu können. Er therapierte sich und seine Vertrauten, ließ sich sogar selbst zur Ader! Und er beruhigte vor jeder Mahlzeit sein Gewissen mit der Behauptung, „er sondere von jeder Speise das Schädliche und Unverdauliche ab; und begnüge sich jede Schüssel blos zu schmecken.“ In Wahrheit aß er übermäßig.

Friedrich war selbst dann nicht bereit, Diät zu halten, als er nach dem Bayerischen Erbfolgekrieg die Wassersucht bekam, und nicht einmal, als es ihm besonders schlecht ging; zu gerne aß er. Dass er wirklich wassersüchtig war, wollte er sich nicht eingestehen: „Engbrüstig bin ich, aber die Wassersucht habe ich nicht“, behauptete er in geradezu kindlicher Naivität. „Mein Leib ist dick, weil ich aufgebläht bin. Da ist kein Wasser“, redete er sich das Leiden schön.

Sein Schweizer Arzt Johann Zimmermann „besah die ganz bis an die Lenden mit Wasser angefüllten Beine des Königs“. Zunächst „schwieg“ er, wie er selbst berichtete, riet dann aber zur Mäßigung. Doch der König ließ sich lieber das Wasser aus seinen geschwollenen Beinen und Lenden abzapfen, als eine Diät zu beginnen. Als ihm schließlich – Mitte Juli 1786 – Wasser aus dem linken Fuß lief, das, wie ein betroffener Beobachter festgehalten hat, „einen Geruch hatte, den die Personen, die um Ihn waren, kaum ertragen konnten: ... war Er doch mit seinem Zustand zufrieden, und freuete Sich über Seine zuweilen ausserordentliche Eßlust, die Er auch durch unverdauliche Speisen befriedigte.“

Diese Speisen mussten „nach französischer und italienischer Art stark gewürzt seyn. Käse- und Mehlspeisen, Schinken, Saurer- und grüner Kohl, Pasteten, Polenta, Kuchen waren ihm besonders angenehm.“ Was sich etwa hinter einer Polenta verbarg, wie Friedrich sie liebte – Lord Marschall Keith hatte sie an des Königs Hof eingeführt –, hat Zimmermann in seinen Unterredungen mit dem König überliefert: Die Polenta, ein italienisches Gericht, bestand zur Hälfte aus Parmesankäse. Dazu wurde Saft von ausgepresstem Knoblauch gegeben, Käse und Knoblauch dann so lange in Butter gebacken, „bis eine harte und eines Fingers dicke Rinde“ entstand. Über alles wurde anschließend „eine ganz aus den heissesten Gewürzen bestehende Brühe“ gegossen. Dazu nahm der König gerne einen „ganzen Teller voll aus einer Aalpastete, die so heiß und würzhaft“ – und fett, muß man wohl hinzufügen – „war, dass sie in der Hölle gebacken schien“. Dies jedenfalls versicherte einer von Friedrichs Tischgenossen.

Solche Speisefolge genoss der König zuletzt am 30. Juni 1786 – mit wenig schönen Folgen, wie vorherzusehen war. „Noch an der Tafel schlief er ein und bekam Konvulsionen. Kein Wunder bei einem vierundsiebzigjährigen Greis“, berichtet Dieudonné Thiébault, ein Franzose, den Friedrich als Professor für französische Grammatik nach Berlin berufen hatte. Und fast entschuldigend setzte er hinzu: Der König „war [eben] Feinschmecker und liebte besonders die lecker zubereiteten Gerichte.“

Doch die Wirkung blieb nicht aus: „Dieses einem Menschen schon schwer zu verdauende Gericht mußte ganz natürlich ihm“ – Friedrich, – „der schon sehr entkräftet war, noch ungleich nachteiliger werden. Er bekam davon eine Art Kolik, die ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Jedoch konnte hier die Geschicklichkeit des Arztes die wirksamsten Mittel brauchen, weil nur ein Teil der Eingeweide litt“ – so der in Sanssouci weilende Feldpropst Johann Gottfried Kletschke.

„Im Essen“, schrieb Anton Friedrich Büsching, der Autor der berühmten Erdbeschreibung und Schuldirektor des Grauen Klosters in Berlin, sei der König ohne Rücksichtnahme auf seine Gesundheit und entgegen dem Rat der Ärzte stets seinem Appetit gefolgt, „welcher so heftig war, daß wenn der Küchenzettel, welcher Ihm Abends für den Mittag des folgenden Tages gebracht wurde, die er vorzüglich gerne aß, Er ihn nicht nur am folgenden Morgen und Vormittag mehrmals und mit Vergnügen ansahe, sondern auch die Mittagsstunde“ – die Zeit der Tafel – „kaum erwarten konnte“.

Am 4. August war daher auch das linke Schienenbein Friedrichs rosenfarbig entzündet, und aus den Bläschen, die sich auf der Oberhaut gebildet hatten, rann, wie aus dem offenen Fuß, eine übelriechende Flüssigkeit, „täglich mehr denn ein Quart“. Um diese Zeit begannen die Kräfte des Königs merklich zu schwinden. Doch freute er sich über „den von der Natur bewirkten Ausfluß der Feuchtigkeit und hoffte, besser zu werden“. Er ignorierte seinen Zustand und gab weiterhin „seinem starken Appetit zu unverdaulichen Speisen“ nach. „Allein in der Nacht vom 12ten auf den 13ten August stellte sich ein Fieber ein, welches ... Seinen Kopf so einnahm, oder so betäubte, daß er die Todesgefahr nicht bemerken konnte; Er aß aber doch ordentlich zu Mittag, welches das letzte Mal war.“ Danach schlief er ein.

Friedrich erwachte erst wieder am 14. August gegen 11 Uhr, fast vierundzwanzig Stunden später, nahm um 1 Uhr ein wenig Suppe und Rindfleisch zu sich und aß gegen 5 Uhr ein Stück von einer Seespinne, einer Salzwasserkrebsart, oder einem Seefisch – hier gehen die erhaltenen Erinnerungen der Beobachter auseinander. Den Rest des Mahls befahl er für den nächsten Tag aufzuheben. Wirklich verspeiste er um 11 Uhr am 15. August, was von der Seespinne oder dem Fisch übrig geblieben war. Anschließend fiel er wieder in tiefen Schlaf, aus dem er nur sporadisch aufwachte, meist jedoch, ohne sich bewusst zu sein, was um ihn herum geschah.

Erst am nächsten Tag löste Friedrich sich für längere Zeit aus seinem Schlaf- und Dämmerzustand. Er erhob sich aus seinem Sessel und ging aus eigener Kraft zu seinem Nachtstuhl. Von seinem Kammerhusaren Schöning – der Vorname ist nicht überliefert – ließ er sich schließlich zurück zu seinem Sessel geleiten. In diesem schlief er nun fest ein. Gegen 8 Uhr abends wachte er auf, weil er fror. Er „verlangte beständig mit Kissen bedeckt zu werden“ und fiel schließlich in einen sehr unruhigen Schlaf, denn „es stellte sich ein beständiger kurzer Husten mit starkem Röcheln auf der Brust ein“.

Um 1 Uhr nachts am 17. August erwachte er wieder. Er versuchte zu sprechen, was er sagte war „aber schwer zu verstehen und bestand in Phantasien, als nun ist mir wohl, nun will ich mich ordentlich niederlegen.“ Während des Sprechens nahm sein Röcheln stark zu. Aus dem Schlaf, in den er schließlich fiel, ist Friedrich nicht mehr erwacht.

Bekleidet mit einem Hemd seines Kammerdieners – ein reinliches eigenes besaß er nicht mehr – wurde er beigesetzt. Jedoch nicht in der von ihm eigens angelegten Gruft gegenüber seiner Bibliothek in Sanssouci, sondern in der Potsdamer Garnisonkirche. Sein Neffe und Nachfolger Friedrich Wilhelm II., dem der König oft übel mitgespielt hatte, wollte es so. Eine kleine – verständliche – Revanche.

In seinem Grab im Park Sanssouci liegt Friedrich erst seit 25 Jahren. Auf dem Grab liegen Kartoffeln, die zu Lebzeiten des Königs nie auf seinem Speiseplan standen. Wenn er sich etwas wünschen dürfte, wären es sicher Kirschen, die er liebte und für die er viel Geld ausgab – oder heiß gewürzte Polenta!


Zum Weiterlesen:

Der Sterbesessel Friedrichs des Großen im Schloss Sanssouci
von Henriette Graf, in: BildGeschichte #4, 15.08.2016
https://recs.hypotheses.org/601 

The 1991 Reburial of Frederick the Great and Its Potential Meanings
von Cristian Cercel, in: Studien und Vorträge zur preußischen Geschichte des 18. Jahrhunderts der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, 14.12.2015
http://www.perspectivia.net/publikationen/friedrich300-studien/cercel_reburial


Die Kommentarfunktion ist für diesen Artikel deaktiviert.

0 Kommentare