In den Jahren 2025 bis 2037 begleiten wir, das Studio Bosch – bestehend aus den beiden Künstlerinnen Susanne Bosch und Ulrike Zimmermann – ausgewählte Bäume in den drei Parkrevieren von Sanssouci. Sie reichen vom jungen Aussaat-Experiment über die Baum-Kita bis zur Heldbockkäfer-Baumruine. Wir porträtieren sie im Wechsel der Jahreszeiten und dokumentieren sie genau. Fotografien und Drohnenaufnahmen zeigen, wie sich die Bäume im Lauf der Jahre verändern. Diese Bilder entfalten ihre Wirkung über lange Zeit.
Der Park Sanssouci und seine Geschichte ist gut dokumentiert: Historische Pläne, Baumkataster, Fotografien, Zeichnungen, Gemälde und Filme zeigen ihn als Schauplatz oder sogar als Protagonisten. Doch seit mehr als zehn Jahren beschleunigen sich die Veränderungen und die Dokumentation hält kaum Schritt. Bäume sterben vorzeitig, der Klimawandel setzt ihnen zu. Jedes Jahr müssen 160 bis 300 Bäume gefällt werden. In der Open-Air-Ausstellung „Re:Generation. Klimawandel im grünen Welterbe – und was wir tun können“ (2024) stellte die SPSG vor, dass seit 2017 Forschungs- und Pilotprojekte zur Renaturierung laufen, um den Park als lebendiges Kunstwerk in seinem historischen Erscheinungsbild zu bewahren. Und damit stehen die Parkrevierleiter, Gärtnerinnen und Gärtner vor gewaltigen Herausforderungen.
Die gigantische Aufgabe, das lebendige Kunstwerk des Parks Sanssouci unter den Bedingungen des Klimawandels zu erhalten, fasziniert uns. Die Lernkurve der Beteiligten und das Entwicklungspotenzial des Parks sind enorm. Deshalb haben wir, Studio Bosch, das Langzeit-Kunstprojekt über zehn Jahre begonnen.
Als Studio Bosch sehen wir uns als Hüterinnen des Gedächtnisses dieser besonderen Umbruchphase. Im Zentrum steht die aufmerksame, langfristige Beobachtung ausgewählter Bäume, die als Lebewesen Langsamkeit und Dauer verkörpern. Wie zeigen sich die Wandelprozesse an den Eichen, Buchen, Ahorn und Rotbuchen, die hier leben – manche erst kürzlich gepflanzt, andere seit Jahrhunderten verwurzelt?
Die Erneuerung: von der Geriatrie zur Baum-Kita
Im ersten Jahr unserer Langzeitbeobachtung lernen wir den Park und seine Bäume kennen. Die drei Parkrevierleiter Sven Hanemann, Heiko Muschik und Steffen Tervooren stellten uns markante Baumpersönlichkeiten und ganze Baumfamilien vor. Auf unseren Exkursionen durch sehr unterschiedliche Gelände hat uns besonders beeindruckt, wie die Revierleiter ihre Beobachtungen durch Erfahrung, Austausch und Forschung in ein umfassendes Wissen übersetzen. Ein Teil dieses Wissens ist dokumentiert, vieles wird weitergegeben und veröffentlicht. Doch eine visuelle Darstellung der langfristigen Entwicklung der Bäume und damit auch des Parks fehlt bisher.
Wie kann Kunst dem Park dienen?
Unser Kunstprojekt – Langzeit-Baumportraits in einem lebendigen Gartenkunstwerk – dient als lebendiges Gedächtnis der Wandlungsprozesse im Park. Wir schauen genau hin. Kurzfristige Sensationen oder Katastrophen interessieren uns weniger; sie fügen sich meist still in die lange Kette vielschichtiger Veränderungen ein. Doch wie machen wir diese Veränderungen sichtbar? Wie können wir Transformation bewusst erleben? Denn im Alltag adaptieren wir Menschen sehr schnell. Wir passen uns mühelos an veränderte Umgebungen an und die Erinnerungen verblassen schnell.
Gerade die „ewigen“, langsam wachsenden Bäume machen die rasanten klimatischen Umbrüche sowie Anpassungs- und Reparaturprozesse sichtbar. Unser Projekt begleitet die Erneuerung des historischen Parks und den Erhalt dieses lebendigen Kunstwerks. Der Autor Andreas Pahl stellt in seinem Blogbeitrag „Totholz und Romantik. Baumpflege in Zeiten des Klimawandels“ fest, dass Gartenanlagen sich als lebendiges Kunstwerk schon immer verändert haben. „Doch der Klimawandel scheint nochmal eine ganz neue Dimension hervorzurufen. Was den Erhalt von alten Bäumen angeht, müssen wir unsere Sehgewohnheiten daher langfristig ändern – und den ästhetischen Wert von absterbenden Bäumen anerkennen.“
Unser künstlerischer Ansatz ist langsam, stetig und ergebnisoffen. Dabei stimmen wir uns eng mit dem Team der SPSG ab. Im ersten Jahr haben wir mit Drohnenaufnahmen und Fotografie experimentiert. Die Drohne ermöglicht uns, Bäume präzise zu erkunden. Auch kleine Bäume in Bodennähe können wir so in den Blick nehmen. Das „Baumcasting“ haben wir noch nicht abgeschlossen, doch einige Baumpersönlichkeiten, Ersatzpflanzen, Nachzuchten und Zukunftsbäume haben wir schon mehrfach besucht. Im Parkrevier III von Sven Hanemann filmen wir eine Eiche auf dem Ruinenberg und die Baum-Kita in der Nähe. In Heiko Muschiks Parkrevier II ist das Gebiet mit den berühmten Buchenalleen und den terrassierten Gärten des Schlosses Sanssouci. Hier fanden wir in Hochstubben große Artenvielfalt und die meisten Lebewesen. Wir sehen Kuchenbäume, Buchen, Trauerlinden, Ulmen und Platanen. Ende August trafen wir Steffen Tervooren, der für das Parkrevier I zuständig ist. Er machte uns darauf aufmerksam, dass im Park Naturschutz und Denkmalschutz auf einzigartige Weise aufeinandertreffen; diese Landschaft wurde nie übernutzt und beherbergt seltene Bäume. Der Prozess des Verlusts alter Bestände und die gleichzeitige Aufzucht und Neupflanzung wird von den Parkrevierleitern kontinuierlich erfasst. Es gibt keine einfachen Lösungen. Die Parkrevierleiter erproben unterschiedliche Methoden, die auf die speziellen Anforderungen der Reviere reagieren und sich aus ihren unterschiedlichen Erfahrungshintergründen speisen.
Anfangsjahre
2025 und 2026 standen für uns im Zeichen des Kennenlernens – wir sind sehr dankbar, wie ausführlich uns unsere Protagonisten vorgestellt wurden und wir sind neugierig mehr zu erfahren. Mit der Unterstützung der Verwaltung erhielten wir problemlos die nötigen Drehgenehmigungen und Zugang zu Archiven, sodass wir direkt in die begleitende Recherche einsteigen konnten.
Manche Bäume, die uns besonders gefielen, mussten wir aus den Plänen streichen, weil sie für Drohnenaufnahmen nicht freistehend genug sind. In diesem Jahr wurde uns auch klar, dass zu jedem Baum und seiner Entwicklung auch das fürsorgliche soziale Umfeld gehört, das ihn umgibt. Wir erleben die Kompetenz, Aufmerksamkeit und Hingabe der Mitarbeitenden für die Pflanzen und Gehölze im Park – sei es in der Verwaltung oder bei denen, die täglich im Park wirken. Das Wissen um diesen Ort, die Sorge um seine Zukunft und die gemeinsame Suche nach Antworten auf die raschen Veränderungen machen die Transformation des Parks zu einer faszinierenden Metapher für den notwendigen Kulturwandel.
Hinter Studio Bosch stehen Susanne Bosch und Ulrike Zimmermann. Susanne Bosch ist bildende Künstlerin mit Schwerpunkt Kunst im öffentlichen Raum und Ulrike Zimmermann steht als Filmemacherin für komplexe Visualisierung und transmediales Storytelling. Sie arbeiten seit 2018 an Kunstprojekten zusammen.
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