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Mehr als nur Licht: Was historische Kronleuchter über Macht und Kunst erzählen

31. Juli 2026 Von Verena Wasmuth

Die Jahrestagung von Light & Glass führte Fachleute aus zwölf Nationen in die preußischen Schlösser und eröffnete neue Perspektiven auf ein faszinierendes Kulturerbe

Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg verwahrt mehr als 2.000 historische Leuchter. Als Hüterin einer der bedeutendsten Sammlungen dieser Art in Europa, war die SPSG im Juni daher gerne Gastgeberin der Jahrestagung von Light & Glass (European Society and Documentation Centre for Chandeliers, Light and Lighting). Der Verein beschäftigt sich mit der Erforschung und Bewahrung historischer Leuchter. Seine Mitglieder kommen aus Museen, Schlösserverwaltungen, Restaurierung, Handel oder sind einfach interessierte Privatleute. Die Tagung war ebenfalls offen für Nichtmitglieder. Rund 60 Gäste aus 12 Nationen kamen zusammen.

Vier Schlösser...

Sie konnten während der mehrtägigen Veranstaltung an Sonderführungen durch vier Schlösser teilnehmen. Neben Schloss Charlottenburg in Berlin standen die drei Potsdamer Welterbe-Schlösser Sanssouci, das Orangerieschloss und das Neue Palais auf dem Programm. Dabei waren zahlreiche, überaus qualitätsvolle Tisch-, Wand- und Kronleuchter zu entdecken. Diese kostbaren und teils einzigartigen Lichtträger hatten als integraler Bestandteil des Interieurs eine zentrale Rolle inne und waren Sinnbild königlicher Macht. Ihre wertvollen Oberflächen und funkelnden Behangteile lassen bis heute erahnen, dass sie exorbitant teuer gewesen sein mussten. König Friedrich II. zahlte allein für die fünf Kronleuchter im Grottensaal des Neuen Palais genauso viel, wie für die gesamte Grottierung der Wände, die über 20.000 Minerale, Steine, Edelsteine, Fossilien und Muscheln vereint. 

Außerdem erlebte die Expert:innengruppe anschaulich, dass viele Leuchter bei der nachträglichen Elektrifizierung durch zusätzliche Arme und Tüllen stark verändert wurden. Heute vermitteln sie einen verfälschten Eindruck: Die entzündeten Wachskerzen selbst großer Saalkronen erzeugten zusammen einst lediglich die Helligkeit einer einzigen 40 Watt LED-Birne.

Kronleuchter fungierten also keinesfalls als Lampen, wie viele Kostümfilme weismachen: Sie waren Statusobjekte und nicht zur Ausleuchtung eines Raumes gedacht. Die Kerzen illuminierten in erster Linie das Luftmöbel selbst. Kerzen waren überdies sehr teuer, wurden nur zu besonderen Anlässen aufgesteckt und entzündet. 

Der Besuch von Schloss Sanssouci war für die Gäste ein besonderes Erlebnis: Dessen nahezu im Originalzustand erhaltene Ausstattung an vorzüglichen Kronleuchtern illustriert das persönliche Interesse Friedrichs des Großen an diesen Prestigeobjekten eindrücklich. Während einer Führung erfuhr die Gruppe von dem individuellen Kurs, den Preußen hinsichtlich ihrer Herstellung wählte: Der König ließ französische Bergkristallkronleuchter von Berliner und Potsdamer Kunsthandwerkern kopieren, den Behang 1:1 aus Glas. Über die Zeit entwickelten sie Varianten und es entstand ein eigener Formenkatalog. Später hinzugefügte Behangteile lassen sich daher noch heute gut identifizieren.

Über die Zeit entwickelten sie Varianten und es entstand ein eigener Formenkatalog. Später hinzugefügte Behangteile lassen sich daher noch heute gut identifizieren.

... vier Stationen im Depot...

Die Stiftung öffnete für die Teilnehmenden der Jahrestagung auch das Zentraldepot bereitete dort eine Überraschung vor: Die Abteilung Restaurierung hatte vier Stationen aufgebaut, beeindruckende Mini-Ausstellungen rund um historische Leuchter. Bei der Station von Jule Eckhart (Möbel/Holzobjekte/Fassung) drehte sich alles um Holzkuchen für Glasarmkronleuchter. Holzkuchen hängen am Schaft des Kronleuchters, sind entweder versilbert oder vergoldet und von einer Glasschale umschlossen. Die Leuchterarme und Zierelemente aus Glas werden in die eigens dafür eingefügten Löcher auf ihrer Oberseite gesteckt. Beispielhaft zeigten die Untersuchungsergebnisse der beiden Kronen aus dem Saal von Schloss Pfaueninsel, dass die gläserne Verkleidung einer der Holzkuchen eine spätere Ergänzung sein muss.

Benjamin Glasberger (Metall) informierte über die neogotischen Zinkgusskronleuchter aus Schloss Babelsberg. Gegossenes Zink ist höchst fragil und so waren die Leuchter schon bald nach ihrer Hängung in einem schlechten Zustand. 1947/1948 wurden sie durch den Transport vom Schloss in ein Depot zerstört. Es sind nur noch Fragmente erhalten. Der Metallrestaurator stellte ein Konzept vor, das bei Bedarf Nachgüsse für eine Ergänzung und Rekonstruktion dieser Leuchter ermöglicht.

Ine Schuurmans (Glas/Porzellan/Keramik) öffnete das Leuchterdepot, in dem auch historische Behangteile aus Glas und Bergkristall verwahrt werden. Die Gäste nutzten die Gelegenheit, sich umzusehen. Bei der schieren Masse an Einzelteilen – über 8.000 Stück – war das Ablagesystem von besonderem Interesse sowie das strategische Vorgehen, sollte ein Kronleuchter Ersatzbehang benötigen. Elke Wichmann (Textil) hatte noch eine Station zu den textilen Verkleidungen der Leuchterstangen und Ketten aufgebaut.

Sie teilte ihre Forschungen zu historischen Beispielen, die sie in unseren Schlössern während ihrer langjährigen Tätigkeit vorfand. Auch erläuterte sie bereitwillig das von ihr entwickelte Verfahren zu deren Restaurierung und Rekonstruktion. An allen Stationen entstand ein lebhafter Diskurs, offene Fragen wurden beantwortet, neue Fragen evaluiert.

... ein Tag voller Fachvorträge

Der Veranstaltungstag im Kavalierflügel von Schloss Glienicke stand im Zeichen der Fachvorträge unterschiedlicher Ausrichtung. Am Vormittag nahmen die Referierenden Kronleuchter des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts in den Fokus. Nachmittags ging es mit einer Session zu Restaurierungsthemen weiter, abschließend folgten Vorträge zu venezianischen, französischen und tschechischen Luminaria (Leuchter und Beleuchtungskörper) sowie zu den frühesten elektrischen Kristalllüstern, die 1882 für die Wiener Hofburg entstanden. 80 Interessierte fanden im Auditorium zusammen und kamen während der Pausen ins Gespräch. 

… und ein Werkstattbesuch

Zum Abschluss der Tagung lud die Stiftung zu einem Besuch der Restaurierungswerkstatt im Neuen Garten ein. Die Fachbereiche Glas/Porzellan/Keramik und Metall ermöglichten Einblick in laufende Maßnahmen.

Die Studentin der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW) Helen Böhland stellte die überraschenden Untersuchungsergebnisse zu einem Fayencekronleuchter vor, die sie im Rahmen ihrer Masterarbeit in Kooperation mit der SPSG erarbeitet hatte. Anders als bislang gedacht, war dieser nie vergoldet und entstand erst im 19. Jahrhundert unter Einbeziehung zeitgenössischer und viel älterer Fayencen und Porzellane. 

Zudem wurde über ein Fachgebiet informiert, das sich erst auf den zweiten Blick mit Leuchtern aus vergangenen Jahrhunderten verbindet: Moses Klappenbach aus der Elektrowerkstatt erläuterte Strategien für die behutsame Erneuerung historischer Verkabelungen. 

Die Vielfalt der Tagung war ideal, um die Bandbreite des Genres, seiner Erforschung und Pflege kennenzulernen, sich zu vernetzen und viel voneinander zu lernen. Durch die öffentliche Zugänglichmachung der von der SPSG verwahrten Leuchter, durch deren fachgerechte Konservierung und wissenschaftliche Auswertung, kam die Stiftung vollumfänglich und mit Vergnügen ihrem Auftrag nach. Das Forum gab der internationalen Forschung zu dieser Disziplin der angewandten Kunst wichtige neue Impulse. Die durchweg fröhliche Stimmung hinterließ bei Gästen wie Gastgebenden nachhaltig positive Erinnerungen. 

Dr. Verena Wasmuth ist Kustodin für Metall, Glas, Varia und Leuchter bei der SPSG.

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