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Die Farben kehren zurück

03. Juli 2026 Von Michael Wolf

Das Stibadium im Park Sanssouci erzählt von antiker Sehnsucht und eröffnet seinen Betrachter:innen überraschende Perspektiven. In diesem Sommer wird seine aufwendige Restaurierung abgeschlossen.

Während eines Kuraufenthaltes lernte der früh verwitwete Friedrich Wilhelm III. (1770–1840) 1822 eine Frau kennen und schätzen. Zwei Jahre später heiratete er die deutlich jüngere Auguste von Harrach in kleinem Kreis. Königin konnte die Fürstin von Liegnitz, wie sie sich seit der Hochzeit immerhin nennen durfte, wegen ihrer Herkunft aus niederem Adel nicht werden. Stattdessen sah sie sich immer wieder mit Zurücksetzungen und Demütigungen konfrontiert; so musste sie etwa den Prinzen und Prinzessinnen stets den Vortritt lassen. Erst spät, in den letzten Lebensmonaten des Königs, soll sie die Anerkennung der Familie erlangt haben, als sie Friedrich Wilhelm III. mit großer Fürsorge pflegte.

Die Fürstin bewohnte nach dem Tod ihres Mannes weiterhin die nach ihr benannte Villa Liegnitz am Rande von Park Sanssouci. Auf der Allee vom Grünen Gitter zum Schloss Sanssouci steht sie prominent auf der linken Seite.

In ihrem Garten ist ein kleines Gebäude versteckt: das zur Villa gehörende Stibadium. 1847 ließ König Friedrich Wilhelm IV. (1795–1861) es für seine Stiefmutter errichten. Der Bau im Stil des preußischen Klassizismus folgt den Plänen von Friedrich August Stüler und zeugt vom großen Interesse an der Antike zu jener Zeit.

Als Stibadium wurde in der Antike ein halbrundes Speisesofa bezeichnet, das unter einer von Säulen getragenen Überdachung im Freien aufgestellt war; der Begriff konnte auch eine offene Laube meinen. Plinius der Jüngere gibt in einem überlieferten Text Einblicke in die zeitgenössische Tischkultur: „Aus dem Stibadium, gleichsam vom Gewicht der darauf Liegenden herausgedrückt, fließt Wasser in kleine Röhren, wird in einem ausgehöhlten Stein aufgefangen, in einem fein gearbeiteten Marmorbecken gesammelt und mit einer verborgenen Einrichtung so reguliert, dass es hinein-, aber nie überläuft. Die Platte mit den Vorspeisen und die schweren Gerichte werden auf dem Rand abgestellt, die leichteren schwimmen auf Schiffchen und Vögeln umher.“

Die modernen Nachbauten von Stibadien im 19. Jahrhundert waren jedoch nicht für Tischgesellschaften gedacht, sondern luden, meist in großen Gartenanlagen stehend, zum Zeitvertreib im Freien ein. Auch Auguste von Liegnitz wird hier Schutz vor der Sonne oder rauer Witterung gesucht haben. Nach ihrem Tod wurden die Villa Liegnitz samt Gartenanlage Ende der 1870er-Jahre umfangreich neugestaltet. Prinzessin Charlotte von Preußen (1860–1919) zog mit ihrem Mann ein. Das Stibadium wurde für sie mit einem illusionistisch wirkenden Wandgemälde versehen, das die Villa Carlotta am Comer See zeigt. Die Prinzessin blickte also weit in den Süden, wenn sie durch ihren Garten flanierte. Die vielfarbige Gestaltung im Innen- und Außenbereich blieb erhalten. Für die folgenden eineinhalb Jahrhunderte sind keine größeren Arbeiten mehr bekannt. Im Gegenteil, seit den 1950er-Jahren verfiel der Bau zusehends, bis 2018 dank einer außergewöhnlich großzügigen Spende der Cornelsen Kulturstiftung umfangreiche Renovierungsarbeiten beginnen konnten.

Die hölzerne, farbig gefasste Kassettendecke musste komplett zerlegt werden. Das Dach wurde entsprechend dem historischen Bestand wieder mit einer Zinkblecheindeckung versehen. Nicht anders denn als großen Glücksfall muss man die gute Befundlage bei der Untersuchung der Fassungen bezeichnen, die sich ebenfalls an Vorbildern aus der antiken Raumgestaltung orientierten, etwa jenen aus Pompeji. Wenn die damaligen Architekten sich an antiken Formen orientierten, nahmen sie auch die seinerzeit bereits bekannte Farbenpracht der Gebäude in ihre Entwürfe auf. Nicht nur die Welt der Römer war also farbiger als gedacht; auch viele Gebäude des 19. Jahrhunderts wurden oft erst viel später monochrom gestrichen. Dank der Untersuchungen konnten die Farben identifiziert werden, was eine Restaurierung und Rekonstruktion ermöglichte.

Das Stibadium der Villa Liegnitz ist deshalb ein wichtiges und seltenes Zeugnis der Fassadengestaltung dieser Zeit. Wer es betrachtet, sieht das 19. Jahrhundert mit anderen Augen. Wenn die Arbeiten in diesem Sommer abgeschlossen sind, hat das große Gemälde Potsdam einen kleinen Farbtupfer von einst zurückerhalten.

Der Beitrag ist zuerst erschienen im SPSG-Magazin SANS,SOUCI. 01.2026.

Michael Wolf hat Medienwissenschaft und Literarisches Schreiben in Potsdam, Hildesheim und Wien studiert. Er ist freier Literatur- und Theaterkritiker sowie freier Redakteur des SPSG-Magazins SANS,SOUCI.

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