Blog der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg

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30 Gründe für Zuversicht

26. April 2024, veröffentlicht von SPSG

von Michael Wolf

Mit Kreativität und Ausdauer versuchen die Gärtner:innen der SPSG die Parks vor den Folgen des Klimawandels zu bewahren. Ab April informiert die Open-Air-Ausstellung »Re:Generation. Klimawandel im grünen Welterbe – und was wir tun können« über ihre Arbeit. Und stiftet Hoffnung für die Zukunft.
 

Fragt man die Gärtner:innen der SPSG, wann sie bemerkten, dass etwas nicht stimmte, dann erzählen sie vom Sommer 2018. Schon im Frühling hatten sie einen deutlich größeren Teil ihrer Arbeitszeit als zuvor dem Totholz gewidmet. Vertrocknete Äste, die einen Durchmesser von fünf Zentimetern überstiegen, mussten entfernt werden, weil sie den Besucher:innen der Parks und Gärten gefährlich werden konnten. Doch nicht nur sie waren in diesem Jahr bedroht, sondern auch ein immer größerer Teil des Baumbestands. Ein Grund dafür war die anhaltende Dürre. In Potsdam wurde nur ein Jahresniederschlag von 360 Litern pro Quadratmeter verzeichnet. An besonders trockenen Stellen wie auf dem Ruinenberg im Park Sanssouci kapitulierte in den heißen Monaten ein Baumindividuum nach dem anderen. Der Grundwasserspiegel fiel deutlich, genau wie der Wasserspiegel der Havel, aus dem die SPSG eine festgelegte Menge an Gießwasser entnehmen darf. Auch eine deutliche Erhöhung hätte nicht geholfen, denn so große Areale wie der Park Babelsberg, der Neue Garten oder der Park Sanssouci mit seinen 300 Hektar Fläche lassen sich nur partiell künstlich bewässern.
 

Und selbst wenn Wasser und Personal keine Probleme gewesen wären, hätten viele Bäume wohl nicht gerettet werden können. Sie gingen am Sonnenbrand zugrunde, der nicht nur Menschen im Sommer zu schaffen macht. Im Normalfall beschattet das Laub die gesamte Baumkrone. Bei andauernder Hitze krümmen sich die Blätter jedoch leicht, um weniger Verdunstungsoberfläche zu bieten. Das Laubdach ist nun nicht mehr so dicht, weshalb das Sonnenlicht direkt auf den Stamm fällt, was dieser nicht gewohnt ist. Im schlimmsten Falle löst sich die Rinde komplett ab und gibt den letzten Schutz auf, den der Baum noch hat. Direkt darunter verlaufen die Leitbahnen, die das Wasser transportieren. Sind diese erst einmal geschädigt, kann der Baum sich nicht mehr ernähren und vertrocknet von oben nach unten.

Gehölze, die einen Sonnenbrand überstehen, leiden oftmals noch Jahre später an seinen Folgen. Auch wenn ein Sommer mal etwas milder oder feuchter ausfällt, gibt es also keinen Grund zur Entwarnung – ganz im Gegenteil. Im Park Sanssouci sind inzwischen beinahe 80 Prozent der Bäume durch intensive Sonneneinstrahlung, extreme Hitze und anhaltende Trockenheit geschädigt. Viele von ihnen werden nicht zu retten sein.

Was heißt das für das Welterbe? Die Antwort ist unbequem: Niemand weiß es genau. Aber man nimmt an, dass die meisten Altbäume in den nächsten Jahrzehnten verschwinden könnten, was den Charakter der Parks stark verändern würde. Niedrigere junge Bäume dominieren dann das Bild. Die Hoffnung liegt auf dieser neuen Generation.
 

Das Welterbe zu bewahren ist heute also eine Aufgabe, die sich ebenso sehr in die Zukunft orientiert, wie sie sich der Vergangenheit verpflichtet fühlt. Die Gärtner:innen und Denkmalpfleger:innen arbeiten seit Jahren daran, die Widerstandsfähigkeit junger Bäume gegen die Auswirkungen des Klimawandels zu stärken. Von ihren Plänen und Experimenten berichtet in diesem Themenjahr die Open-Air-Ausstellung »Re:Generation. Klimawandel im grünen Welterbe – und was wir tun können«. Sie findet vom 27. April bis zum 31. Oktober im Herzen des Park Sanssouci statt. An 30 Ausstellungsstationen möchte die SPSG ihre Erkenntnisse teilen und mit den Besucher:innen ins Gespräch kommen. Und ja, es gibt jede Menge Gesprächsbedarf. Nicht nur, weil die Lage ernst ist, sondern auch, weil die Kreativität und Beharrlichkeit der Gärtner:innen dringend notwendigen Optimismus stiftet.
 

So gießt man heute
 

Westlich der Weinbergterrassen steht das Thema Wasser im Mittelpunkt der Ausstellung. Forschungen gehen davon aus, dass die Niederschlagsmenge in der Region zwar nicht drastisch zurückgehen wird, es aber seltener und dann heftiger regnen wird. Die in der vorherigen Dürrezeit ausgetrockneten Böden können die plötzlich herabfallenden Wassermassen nicht aufnehmen. Es bleibt also trocken. Den Gärtner:innen wird es nicht möglich sein, die normalen Regenfälle künstlich auszugleichen, aber sie können das Wasser und ihre Arbeitskraft gezielter und klüger einsetzen. Schon lange werden zum Beispiel Hecken im Park Sanssouci mit sogenannten Tröpfchenschläuchen bewässert. Sie transportieren das Wasser direkt zu den Wurzeln und verhindern seine Verschwendung. Entwickelt wurde diese Technik bereits vor gut 60 Jahren in Israel. Der Klimawandel war damals noch nicht der Grund, vielmehr wollte man möglichst wirtschaftlich Obst und Gemüse anbauen, was dank der Erfindung inzwischen auch in sehr trockenen Gebieten der Erde möglich ist. Aber die Methode hat auch ihre Nachteile. Weil das Gießwasser aus der Havel stammt, verstopfen die Schläuche schnell und müssen deshalb alle paar Jahre ersetzt werden.
 

Wichtiger als das Gießen sind jedoch ohnehin die Wurzeln und wie sie wachsen. Jüngere Baumindividuen kommen bereits jetzt besser mit dem Wassermangel zurecht, weil sie tiefer wurzeln und so auch in Dürreperioden noch an das gesunkene Grundwasser heranreichen. Bäume passen sich also an die gegebenen Bedingungen an. Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse auf dem Weg zum Umbau des Parks. Denn es bedeutet auch, dass die Bäume langfristig genau dort die besten Überlebenschancen haben, wo sie angezogen wurden.

Deshalb wird die SPSG in den nächsten Jahren eine Baumschule direkt im Park Sanssouci errichten. Sie geht damit in gewisser Weise »back to the roots«, hatte Gartenkünstler Peter Joseph Lenné (1789–1866) doch schon vor 200 Jahren eine Baumschule gegründet. Genau wie Hermann von Pückler-Muskau (1785–1871) in Branitz. Die Stiftung »Fürst-Pückler-Museum – Park und Schloss Branitz« ist mit einer Station zu Gast in der Ausstellung und stellt im Rahmen der Kooperation »Historische Gärten im Klimawandel. Perspektiven für das grüne Kulturerbe aus Sanssouci und Branitz« ihre wiederbegründete Baumuniversität vor.
Für die Potsdamer Baumschule ist bereits ein Standort gefunden. Unweit des Ruinenbergs werden künftig Bäume unter genau den Bedingungen angezogen, mit denen sie sich auch später arrangieren müssen. Diese Art der Anzucht ist vergleichsweise neu. Konventionelle Baumschulen garantieren ihren Setzlingen ideale Bedingungen, um sie möglichst schnell verkaufen zu können. Wenige Jahre später gehen sie dann aber häufig ein, weil sie Trockenperioden, Hitze und nährstoffarme Böden nicht gewohnt sind. Die neue Strategie lautet also: Abhärtung.

Vielversprechend sind darüber hinaus Experimente mit Saatgut. Die Gärtner:innen sammeln gezielt die Früchte widerstandsfähiger Bäume und pflanzen sie ein, in der Erwartung, dass sie die Gene ihrer fitten Eltern in sich tragen. Auch bilden Bäume, die dem Klimastress ausgeliefert und kurz vor dem Absterben sind, noch einmal übermäßig viel Saatgut. Es spricht einiges dafür, dass die Nachkommen solcher Individuen genetisch bereits auf die Bedingungen vorbereitet sind, denen die Generation zuvor zum Opfer fiel. Über diese und viele weitere innovative Strategien informiert »Re:Generation. Klimawandel im grünen Welterbe«.
Wahrscheinlich werden nicht alle von ihnen erfolgreich sein. Nichtsdestoweniger bieten das Engagement und der Forschergeist der Gärtner:innen Gründe, mit Zuversicht in die Zukunft zu schauen. Die Ausstellung ist ein Angebot, die Krise ernst zu nehmen, ohne sich entmutigen zu lassen. Denn sie zeigt Möglichkeiten auf, Wertvolles zu bewahren und dabei Neues zu entdecken.

Der Beitrag ist zuerst erschienen im SPSG-Magazin SANS,SOUCI. 02.2024
 

Re:Generation. Klimawandel im grünen Welterbe – und was wir tun können
Open-Air-Ausstellung im Park Sanssouci
27. April – 31. Oktober 2024
Eintritt: frei
www.spsg.de/regeneration

 

 

 

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