Blog der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg

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Detektivarbeit und Puzzlespiel

21. Oktober 2022, veröffentlicht von SPSG

»Oft muss man sich von etwas trennen«: Provenienzforschung kann weh tun – oder beglücken

von Ortrun Egelkraut

Ein bewegender Moment: 81 Jahre nach der Enteignung durch die Nationalsozialisten erhalten die Erben der jüdischen Kunstsammlerin Irene Beran (1886–1978) im Zentraldepot der Schlösserstiftung ein Gemälde zurück, das die SPSG seit den 1950er Jahren verwahrt hatte. Für Max Beran, mit Sohn und Enkel aus England angereist, ist dies die Wiedergutmachung eines historischen Unrechts.
 

Max Beran war zum zweiten Mal in Potsdam, um ein verloren geglaubtes Gemälde aus der Sammlung seiner Großmutter in Empfang zu nehmen. 2007 restituierte die SPSG ein Porträt der Irene Beran als modische, selbstbewusste junge Frau, gemalt von Hugo von Habermann. 2022 war es das Gemälde »Schäfchen« von Thomas Theodor Heine. Der Maler, Zeichner und Mitbegründer der Satirezeitschrift »Simplicissimus« hielt eine liebevoll verspielte Szene zwischen einem jungen Mädchen und einem »Schäfchen« fest.
 

Beide Bilder gehörten zu einem Konvolut von Gemälden und Grafiken, die 1948 von der für das Land Brandenburg zuständigen Sowjetischen Militäradministration (SMA) am Kontrollpunkt Wittenberge beschlagnahmt wurden, als sie in den Westen gebracht werden sollten. Um 1950 gelangten die Kunstwerke in die Staatlichen Schlösser und Gärten Potsdam-Sanssouci. Dort lagerten sie mit rund 1.000 anderen Kunstwerken, darunter auch Möbel, Uhren und Porzellan, die keine Beziehung zu den Schlössern aufweisen.
Seit 2004 untersucht die SPSG ihre Bestände systematisch auf die Existenz unrechtmäßig entzogenen Kunstgutes. Rund 160 Kunstwerke konnten bisher an ihre rechtmäßigen Eigentümer:innen zurückgegeben werden.

»Wir untersuchen alle Objekte, die vor 1945 entstanden sind und nach 1933 ins Haus kamen«, erklärt Ulrike Schmiegelt. Seit 2020 hat die promovierte Kunsthistorikerin mit Schwerpunkt Osteuropa eine feste Stelle als Provenienzforscherin bei der SPSG. Zuvor hatte sich die Gemäldekustodin Alexandra Nina Bauer dieser Aufgabe gewidmet.

Bei jedem einzelnen Fall beginnt die Detektivarbeit mit Recherche am Computer in relevanten Datenbanken wie Lost Art. »Da hatte ich noch nie einen Treffer, aber es wäre ein Kunstfehler, es nicht zu tun«, sagt Ulrike Schmiegelt. »Über Erwerbungen der Schlösserverwaltung zwischen 1933 und 1945 wissen wir nicht viel, da eigene Unterlagen beim Brand des Schlosses Charlottenburg 1943 verloren gegangen sind. Ab 1950 sind die Unterlagen gut.«
Anderswo lagernde Akten, Korrespondenzen und Dokumente, etwa im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, können Anhaltspunkte zur Herkunft geben. Wenn nicht, »dann beginnt das Nachdenken über das Objekt«. Und das genaue Anschauen. Oft finden sich auf der Rück- oder Unterseite Aufkleber, Notizen, Inventarnummern, auch Nutzungsspuren. Historische Ausstellungs- und Auktionskataloge, am besten mit Abbildungen, werden zu Rate gezogen. Und Kolleg:innen. Längst gibt es ein internationales Netzwerk, in dem man sich austauscht. Manchmal helfen auch glückliche Zufälle.

Provenienzforschung ist ein langwieriger, aber nie langweiliger Prozess. »Man findet etwas, das wirft neue Fragen auf und man kommt wieder ein Stück weiter« und mit jedem neuen Puzzleteil erhält die Geschichte mehr Klarheit. Hat sich der Verdacht erhärtet, dass es sich um NS-verfolgtes Kulturgut handelt, beginnt ein neues Kapitel, die Suche nach den Eigentümern, möglichen Zwischenbesitzer:innen und heutigen Erb:innen. Aber erst, wenn kein Zweifel besteht, dass die Richtigen ermittelt wurden, erfahren die Erb:innen von ihrem Glück. »Wenn wir ein Objekt behalten wollen, versuchen wir, sie zu überzeugen, sich mit uns auf einen Preis zu einigen. Sollte das Werk auf dem Kunstmarkt mehr einbringen als wir zur Verfügung haben, dann muss man sich davon trennen. Und das kann wehtun.« Die Rückgabe des »Schäfchens« aus der Irene Beran-Sammlung an Max Beran und seine Familie in England, der mit eigenen Recherchen auch zur Klärung beitrug, war jedenfalls für beide Seiten beglückend.
 

Manchmal kommt auch etwas zurück wie im Fall der »Ruhenden Frau« von Fritz Huf. Die Bronzeplastik aus den 1920er Jahren war 1951 im Schlossgarten Schönhausen aufgestellt worden und kam nach 1990 in das Depot der Neuen Nationalgalerie. Die Kolleg:innen der Staatlichen Museen zu Berlin recherchierten die Provenienz; zeitgleich tat dies auch Jochen von Grumbkow. stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins Schloss & Garten Schönhausen e. V. Als Resultat konnte das Kunstwerk den Erben des beraubten Eigentümers, des Berliner Bankiers Hans Fürstenberg, zurückgegeben werden. Die SPSG konnte die Figur, mit Unterstützung einer großzügigen Spende des Fördervereins, zurückerwerben. 

 

 

Mehr zum Thema:
www.spsg.de/provenienzforschung

Im Blog:
www.spsg.de/ruhende-frau/

 

Der Beitrag ist zuerst erschienen in der SANS,SOUCI. 04.2022

 

 

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