Blog der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg

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Geheimnisse des Jagdschlosses Grunewald

04. März 2022, veröffentlicht von SPSG

Sagen und Geheimnisse, kaum zu glauben oder einfach nur Gerüchte – seltsame Geschichten gab es zu allen Zeiten und natürlich auch in den Schlössern und Gärten der Stiftung. Wir werden in unregelmäßigen Abständen mit der Frage „Stimmt es eigentlich?“ den Geschichten auf den Grund gehen. Unser erster Beitrag führt uns in das Jagdschloss Grunewald.

von Kathrin Külow

Eine Bauinschrift am Jagdschloss Grunewald besagt, dass Kurfürst Joachim II. am 7. März 1542 den Grundstein für sein Jagdschloss, das Haus „zum grünen Wald“ gelegt hat. An diesem Tag war Joachim jedoch nicht im Grunewald, er war am 5. März nachweislich in Speyer und reiste wohl auch erst am 13. April von dort ab. Daher hat die Grundsteinlegung vermutlich erst am 7. Mai 1542 stattgefunden.

Rund um das Jagdschloss Grunewald ranken sich einige geheimnisvolle Geschichten, wie die von Anna Sydow, der „Weißen Frau“ von Grunewald.

Das Jagdschloss Grunewald wurde in den Jahren 1542/43 für den brandenburgischen Kurfürsten Joachim II. erbaut. Das Jagdhaus zum grünen Wald wurde als Wasserschloss angelegt und zeigte noch einige wehrhafte Elemente wie z. B. Schießscharten und einen Wehrgang an der Stelle, wo sich heute das Jagdzeugmagazin befindet. Es liegt direkt am Grunewaldsee, der bis ins 19. Jahrhundert einen erheblich höheren Wasserstand hatte.
 

Für das Kurfürstenpaar waren Wohnräume im ersten Obergeschoss eingerichtet. 1535 hatte Joachim II. die polnische Königstochter Hedwig geheiratet, die ihn auch auf der Jagd begleitete. 1549 zog sie sich bei einem Unfall im Jagdschloss Grimnitz so schwere Verletzungen zu, dass sie fortan eine Gehhilfe brauchte und ihren Gemahl nicht mehr auf seinen jagdlichen Ausflügen begleiten konnte.
 

In Grimnitz lernte Joachim II. auch die schöne Frau des Geschütz- und Glockengießermeisters kennen: Anna Sydow, verheiratete Dieterich. Er machte sie zu seiner Geliebten. Ihr Mann verhielt sich still und hatte bis zu seinem Tod im Jahr 1561 die Oberaufsicht über die Grimnitzer Gießhütte. Aus der Ehe mit Michael Dieterich hatte Anna drei Kinder. Einen Sohn belehnte der Kurfürst mit einem Dorf. Die 1558 geborene gemeinsame Tochter Magdalene erhob Joachim II. zur Gräfin von Arneburg. Der 1562 geborene Sohn Andreas verstarb mit sieben Jahren.
 

In der Abwesenheit des Kurfürsten hatte Anna das Recht, das Jagdschloss Grunewald zu nutzen. Sie begleitete ihn auf der Jagd, und auch sonst hatte Joachim II. wenig Scheu, sich mit seiner Geliebten und den gemeinsamen Kindern öffentlich zu zeigen. Das rief zuweilen den lauten Unmut der brandenburgischen Untertanen hervor, denn Ehebruch wurde schwer bestraft, in manchen protestantischen Ländern sogar mit dem Tod. Joachim II. wandte sich bei solchen Gelegenheiten an Anna mit den Worten: „Kannst du nicht beiseite gehen?“

Dem Kurprinzen Johann Georg nahm der Vater mehrfach das Versprechen ab, Anna und die Kinder auch nach seinem Tod zu schützen.

Als der Kurfürst am 3. Januar 1571 starb, wurde das wahre Ausmaß seiner Verschuldung deutlich. Der Nachfolger suchte nach Schuldigen und fand sie in Gestalt des kurfürstlichen Münzmeisters und der Mätresse des Vaters. Er ließ Anna unter der Anschuldigung der Erpressung 1571 im Juliusturm auf der Spandauer Festung gefangen setzen. Der Münzmeister Lippold ben Chluchim wurde ebenfalls verhaftet. Die ihm zu Last gelegte Unterschlagung ließ sich nicht beweisen. Drei Tage vor dem Ende des Hausarrestes klagte man ihn der Zauberei an und erpresste unter Folter ein Geständnis. Lippold wurde am 28. Januar 1573 auf dem Neuen Markt vor der Marienkirche durch Vierteilen hingerichtet. Sein Vermögen wurde eingezogen. Alle Juden mussten die Mark Brandenburg verlassen.

Anna Sydow starb 1575 in ihrem Gefängnis im Juliusturm. Ihrer Tochter Magdalene entzog Kurfürst Johann Georg den Adelstitel. Allerdings verheiratete er sie gutbürgerlich mit dem kurfürstlichen Hofrenteischreiber Andreas Cohlen. Er soll Cohlen gefragt haben: „Willst du mein Schwager werden?“ Magdalene starb 1610 in Berlin als hochgeachtete Frau. Ihre Ehe bleib kinderlos.

Nach ihrem Tod begann Anna Sydows Nachleben als „Weiße Frau“. Acht Tage vor seinem Tod am 9. Januar 1598, soll sie dem Kurfürsten Johann Georg im Berliner Schloss erschienen sein, um ihm sein nahes Ende zu verkünden. Oder war das nur das schlechte Gewissen von Johann Georg?

Jedenfalls war Anna Sydow von da an das Hausgespenst der Hohenzollern, Kurfürsten von Brandenburg, Könige in und ab 1772 von Preußen, deutsche Kaiser. In Europa ist sie als „Weiße Frau“ kein Einzelfall. Auch auf anderen Burgen in Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Österreich, in der Slowakei und im Baltikum erschienen „Weiße Frauen“ und kündeten von unheilvollen Ereignissen in der Zukunft. Die Hohenzollern verfügen streng genommen sogar über zwei „Weiße Frauen“, denn auch auf der Plassenburg in Oberfranken erscheint ein derartiger Geist. Diese „Weiße Frau“ ist allerdings zwei Jahrhunderte älter als unsere Anna. Das letzte Mal soll sie im Berliner Schloss in der Nacht zum 26. Mai 1940 erschienen sein. Da gab es allerdings keinen Kurfürsten oder König mehr, dem sie den nahen Tod anzeigen konnte.
 

Eine Version unserer Sage erzählt, dass Kurfürst Johann Georg Anna lebendig in einem Treppenturm im Jagdschloss Grunewald einmauern ließ. Und richtig, neben dem großen Wendelstein, den alle Besucherinnen und Besucher der Ausstellung nutzen, existiert noch ein zweiter, kleiner Wendelstein, der das erste mit dem zweiten Obergeschoss verbindet. Die Sage will wissen, dass diese Treppe in der Zeit von Joachim II. noch bis in das Erdgeschoss reichte …
Diesen kleinen Wendelstein dürfen die Gäste der Kindergeburtstage nutzen, um in das zweite Obergeschoss zu steigen, ganz so wie es auch Joachim II. getan hat. Echte Gespenster sind im Jagdschloss Grunewald noch keinem von uns begegnet. Allerdings hat sich schon mehrfach ein Fenster im Eingangsbereich zur Großen Hofstube aus seiner Verankerung gelöst und ist laut polternd in den Flur gefallen. Verletzt wurde zum Glück niemand. Es blieb bei einem Schreck.
Aber wer weiß, vielleicht schaut sie uns ja zu, die „Weiße Frau“ im Jagdhaus zum grünen Wald, die schöne Gießerin Anna Sydow.

 

Weitere Informationen zum Jagdschloss Grunewald

 

 

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