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Friedrich Wilhelm (IV.): „Das muß man gesehen haben“

23. September 2018, veröffentlicht von Author unavailable

Der sehnsüchtige Traum von Kronprinz Friedrich Wilhelm (IV.) wurde im Jahre 1828 Wirklichkeit: 33jährig erhielt der Romantiker mit „Genie fürs Zeichnen“ endlich die väterliche Erlaubnis zur Italienreise! So begab auch er sich auf die „Grand Tour“ mit Stationen in Florenz, Rom oder Neapel. Hier gab er sich nicht nur der Architekturbetrachtung hin und fertigte selbst unzählige Zeichnungen an. Zu verdanken haben wir u.a. seiner Italienbegeisterung auch ein großartiges Konvolut von rd. 3600 Blättern, die uns zusammen mit seinen Notizen auf eine wunderbare Reise durch das Italien des 19. Jahrhunderts mitnehmen. Lassen Sie sich verzaubern – und: Buon Viaggio!

Von Evelyn Zimmermann, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Graphischen Sammlung/Plankammer der SPSG

Alexander Clarot, Kronprinz Friedrich Wilhelm (IV.) von Preußen, 1839. © SPSG

Der Italienbegeisterung des preußischen Königs Friedrich Wilhelms IV. (1795-1861, Regierungsantritt 1840) verdankt die Stadt Potsdam Bauten, die ihr vielerorts ein südländisches Aussehen verleihen. Nikolaikirche, Schloss Charlottenhof, Römische Bäder, Friedenskirche oder Orangerieschloss in Sanssouci, das Belvedere auf dem Pfingstberg sowie zahlreiche Turmvillen gehen auf die Vorstellungen des Monarchen zurück.

Als er 1828 erstmals italienischen Boden betrat, kannte er schon jeden Winkel Roms. Auch hatte er bereits phantasievolle arkadische Landschaften zu Papier gebracht. Der auf architektonischem Gebiet äußerst rege Friedrich Wilhelm zeichnete bei allen Gelegenheiten, auf jedem nur greifbaren Untergrund. Tausende seiner Skizzen sind in der Graphischen Sammlung der SPSG erhalten und online recherchierbar: https://vikusviewer.fh-potsdam.de/fw4/vis/

Anlässlich seiner Vermählung mit der bayerischen Prinzessin Elisabeth (1801-1873) im Jahre 1823, übersandten einige der zu jener Zeit in Rom lebenden bayerischen und preußischen Künstler, wie Klenze, Hensel, Cornelius, Reinhart und Begas, dem jungen Paar ein Album. Es enthielt neben Ansichten aus Italien und volkstümlichen Szenen vor allem allegorische Darstellungen.

Unter dem Titel „Vermählungsalbum“ bildete es den Grundstock einer in der SPSG bewahrten Aquarellsammlung, aus der die im Folgenden veröffentlichten Veduten stammen. Als Veduten (von italienisch „veduta“ – Ansicht, Aussicht) werden in der bildenden Kunst wirklichkeitsgetreue Darstellungen einer Landschaft oder eines Stadtbildes bezeichnet. Es war ab dem 18. Jahrhundert üblich geworden, Veduten als „Souvenir“ von den während der Grand Tour besuchten Orten in die Heimat mitzubringen.

Die Grand Tour oder auch Kavalierstour war die seit der Renaissance obligatorische Bildungsreise der Söhne des europäischen Adels, später auch des gehobenen Bürgertums, die vor allem durch Mitteleuropa, Italien und Spanien führte. Die Erziehung der Reisenden sollte dadurch komplettiert werden, da sie Kultur und Sitten fremder Länder kennenlernen, neue Eindrücke sammeln sowie Weltläufigkeit, Status und Prestige erwerben konnten.

Im Jahr 1828 durfte sich auch der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm auf eine Reise nach Italien begeben, die ihm sein Vater, König Friedrich Wilhelm III., lange verwehrt hatte. Die Reiseroute, die er absolvierte, entsprach dem üblichen Weg der meisten Italien-Reisenden zur damaligen Zeit. Größere Stationen waren Verona, Mailand, Genua, Pisa, Florenz, Siena und Perugia. Besonders lang verweilte Friedrich Wilhelm in Rom und Neapel. Den südlichsten Punkt der Reise bildete Sorrent. Die Rückreise führte durch Ravenna, Bologna und Venedig. Tagebuchartig sind Friedrich Wilhelms, im Geheimen Staatsarchiv in Berlin-Dahlem erhaltenen, Briefe abgefasst, die er seiner Frau aus Italien sandte. Sie versprühen Witz, Geist und Lebensfreude.
Anhand der Notizen für die daheim gebliebene Gemahlin und der Ansichten, die Friedrich Wilhelm sammelte und die in der SPSG-Aquarellsammlung verwahrt werden, lassen sich die verschiedenen Stationen seiner Italienreise nacherleben:

Halt 1: Der erste größere Ort auf der Italien-Reiseroute Friedrich Wilhelms (IV.) war Verona, hier kam Friedrich am 3. Oktober 1828 an und absolvierte innerhalb von zwei Stunden sein Besichtigungsprogramm. In sein Reisetagebuch schrieb er: "So wie wir uns den Reise Dreck abgewaschen & gezogen, liefen wir in […] den Dom, ins Amphitheater das unglaublich erhalten ist, […], von Schweiß und Entzücken triefend […]“

Halt 2: Vom „herrlich alterthümlichen“ Verona reiste Friedrich Wilhelm (IV.) weiter Richtung Mailand. Dabei passierte der Kronprinz die am Gardasee gelegenen Orte Desenzano und Lonato. Zum Gardasee schrieb er 1828 Folgendes in sein Reisetagebuch: „Cypressen, Feigen, rankender Wein, Pergoli häuften sich. […] wir fuhren durch ein [...] ebenes Land, voll Öhl- & Maulbeerbäumen mit Weinranken verbunden & durch sehr südlich ausschauende Gehöfte, Örter an schönen Klöstern & Villen […].“

Halt 3: Nachdem Friedrich Wilhelm (IV.) am 4. Oktober 1828 in den Morgenstunden Brescia verlassen hatte, erreichte er zur Mittagszeit Mailand: „Kurz nach unserer Ankunft hier waren wir im Dom der mich fast ohnmächtig machte. Keine Imaginazion erreicht die Pracht & den heiligen Eindruck des Gebäudes. Es gehört zu den Dingen die zu doll seynd. Ach daß ich nicht mit Dir das habe sehen können!!!“, schrieb der Kronprinz begeistert in einem Brief an seine Frau.

Halt 4: Vom letzten Halt Mailand aus machte sich Friedrich Wilhelm (IV.) im Oktober 1828 nach Genua auf. Auch dieser Ort schien den preußischen Kronprinzen nachhaltig begeistert zu haben, wie sich in einem Brief an seine Frau zeigt, in dem er den letzten Abschnitt der Wegstrecke bis nach Genua beschreibt: „Mir wird schwiemlich; Genua hat mir völlig den sehr vielen Verstand der mir seit dem Ingresso in Italia noch übrig blieb geraubt. […] wo wir das Mittel Meer zuerst sahen, bekam ich einen Stoß & nun mit jedem Schritt Berg ab! wo die Vegetazion mit unsrem Wege wuchs, endlich waren Cypressen, 100 Pergole, immergrüne Eichen, Pinien, Aloe, Myrthen, Orangen !!!!!!! & zu letzt das brausende Meer, daß sich donnernd an den Grundfesten der Straße & des großen Pharus brach! Dort ein Schritt um die Ecke & ganz Genua vor den Augen !!!!!!!!!“

Halt 5: Am Abend des 12. Oktober 1828 erreichte Friedrich Wilhelm (IV.) Pisa und besichtigte sogleich die Piazza dei Miracoli mit dem Dom, dem Baptisterium, dem Schiefen Turm und dem Camposanto. Die Eindrücke dieses Besuchs hielt er in seinem Tagebuch fest: „[…] zu Pisa, wo wir uns des herrlichen Abends wegen gleich auf die Beine machten & den unbegreiflichen Dom & das noch unbegreiflichere Campo Santo besahen bis uns die Dunkelheit vertrieb.“

Halt 6: Die nächste Station auf der Italienreiseroute Friedrich Wilhelms (IV.) war Florenz, das er am 14. Oktober 1828 erreichte. Dort besichtigte der preußische Kronprinz die Sehenswürdigkeiten der Stadt, unter anderem den Dom, das Baptisterium, verschiedene Kirchen, Palazzi sowie Villen der Umgebung und zeigte sich erneut sehr begeistert: „Bald machten wir uns auf um die Wunder des Pallastes Pitti zu sehen. Was ist das für eine Enfilade. Welche Höfe, alles mit gewölbten Plafonds. Eine Pracht die in sich & vor allem dem Maßstab nach den des Neuen Palais übertrifft & viel bessrer Geschmack - und um die Wände behängt mit den größten Meisterstücken. Unter andern Kleinigkeiten 10 Raphaels. Ich war wie versteinert.“

Halt 7: Nachdem Friedrich Wilhelm (IV.) von Florenz aus nach Siena und Cività Castellana gereist war, befand er sich am 23. Oktober 1828 auf dem Weg nach Rom. Die Landschaft, die sich ihm dort bot, beschrieb der preußische Kronprinz folgendermaßen: „Alle Augenblicke fielen mir Ähnlichkeiten mit der Potsdammer Gegend auf - nur was dort Brauhaus Berg & Consorten sind, vertritt hier das Sabiner & Latiner Gebirge. Je weiter wir kamen je öder & unfruchtbarer wurde das Land – dasselbe Land, das mit Villen, Tempeln, Ortschaften, Kirchen & Prachtbauten aller Gattung so bedeckt war, […].“

Halt 8: Seit dem 23. Oktober 1828 hielt sich Friedrich Wilhelm (IV.) in Rom auf. Die Ewige Stadt hatte dem preußischen Kronprinzen und seinen Begleitern diverse Sehenswürdigkeiten und beeindruckende Bauwerke zu bieten. Darunter war auch das Kolosseum: „Nach 8 Uhr beym hellsten Mondschein fuhren wir nach dem Capitol, […] & fanden uns plötzlich auf dem Forum Romanum !!!!!!! Langsam hindurch, […] in´s Coloseum das so interessant aussah wie ein Gebirge !!!“

Halt 9: Am 8. November 1828 führte die Italienreiseroute Friedrich Wilhelm (IV.) nach Neapel. Den Eindruck, den die Anreise zu diesem Ort auf den preußischen Kronprinzen gemacht hat, hielt er in folgenden Worten fest: „Neapel wahrhaftig ein Paradys auf Erden [...]. Plötzlich […] liegt Neapel zu den Füßen, gradeaus der rauchende Vesuv, am Horizont die schönen Gebirge von beyden Seiten des Golfs mit Häusern übersäht & im Meere die einzige Form von Capri.“

Halt 10: Während seines Aufenthaltes in Neapel besuchte Friedrich Wilhelm (IV.) am 15. November Pompeji. Der Besuch wirkte folgendermaßen auf den preußischen Kronprinzen: „Vom Eindruck von Pompeji schweige ich. Das muß man gesehen haben. [...] diese deliziose Architectur, dies heitre Wesen in allen Formen der Wohnlichkeit, [...] diese schöne & liebliche Anlage des Forums, […].“

Halt 11: Im Rahmen seiner Italienreise gelangte Friedrich Wilhelm (IV.) am 5. Dezember 1828 nach Venedig und schrieb sogleich seine Eindrücke der Stadt nieder: „In ihrer Art ist Venedig wie Rom. Unvergleichlich durch Merkwürdigkeit, Reitz & Geschichte. […] Wir alle waren wie trunken von dem herrlichen Anblick. Wir gingen gleich in die Marcus Kirche & verstummten vor der Würde & der Pracht. Nichts als Gold & Mosaik & Marmor. Es wird Einem wenn man die Wunder von S: Marco beschaut, wie by Lesung der Apocalypse; anders kann ich meine Gefühle gar nicht ausdrücken.“

Halt 12: Die letzte Station der Italienreise Friedrich Wilhelms (IV.) war Venedig. Von dort aus machten sich der preußische Kronprinz und seine Begleiter wieder auf den Rückweg in den Norden. Zunächst nutzten sie jedoch am 6. und 7. Dezember 1828 noch die Zeit für eine ausgiebige Besichtigungstour und lernten so auch die Rialtobrücke kennen: „Heut bin ich so froh & glücklich- Ich habe Venedig gesehen [...]. Nachdem wir uns an etwas Bouillon erwärmt setzten wir uns in zwey Gondeln & fuhren umher, […] in den Canal Grande an den unzähligen [...] Pallästen entlang, [...] unter dem Rialto durch, […]. Am Rialto ausgestiegen. [...] Zu Fuß durch die engen, aber höchst ansprechenden Gassen, über den Marcus Platz […].“

Alle Abbildungen: © SPSG

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