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Wie die Kaiser-Familie Weihnachten im Neuen Palais feierte

24. Dezember 2017, veröffentlicht von Elvira Kühn

Das Weihnachtsfest der kaiserlichen Familie im Grottensaal von Fritz Grotemeyer, 1897

Kaiser Wilhelm II. bewohnte mit seiner Gemahlin Auguste Victoria und den Kindern von 1889 bis zum Ende der Monarchie 1918 das Neue Palais von Sanssouci. In dieser Zeit wurde das friderizianische Schloss Mittelpunkt der politischen und gesellschaftlichen Ereignisse im Kaiserreich und – sofern die Familie nicht im Hause war – eine gern besuchte Sehenswürdigkeit. Wie die Kaiserfamilie Weihnachten feierte, zeigt uns heute eine einzige bildliche Darstellung aus dem Jahr 1897 von Fritz Grotemeyer. SPSG-Mitarbeiter Jörg Kirschstein fand darüber hinaus viele interessante Details heraus.

In seinem Buch „Das Neue Palais in Potsdam. Familienidyll und kaiserlicher Glanz“ erzählt der Archivar und Schlossbereichsleiter in Babelsberg, Jörg Kirschstein, die ganze Geschichte vom größten und letzten Schlossbau Friedrichs des Großen – von seiner Einweihung über die Kaiserzeit, die NS- und DDR-Zeit bis in die Gegenwart. Ausführlich widmet er sich dabei auch diesen bisher weniger erforschten Jahrzehnte, in denen das Neue Palais bevorzugter Aufenthaltsort der Kaiser Friedrich III. und Wilhelm II. mit ihren Familien war.

Hier ein Auszug aus dem Buch zum Weihnachtsfest im Neuen Palais:



Das Weihnachtsfest

„Das Weihnachtsfest im Neuen Palais bedeutete für uns Geschwister den Höhepunkt des Jahres“, erinnerte sich die Tochter des Kaisers. In der ersten Adventswoche begannen im Marmorsaal die Weihnachtsvorbereitungen. In dem 500 Quadratmeter großen Festsaal wurden Geschenke wie Kleider, Anzüge, Kindersachen und Spielzeug von den Hofdamen der Kaiserin zusammengestellt. Die Präsente waren für karitative Organisationen, für die Pächterfamilien der kaiserlichen Güter sowie für die Hofdienerschaft bestimmt.

Im Marmorsaal begannen früh die Vorbereitungen für das Weihnachtsfest. Foto: Wolfgang Pfauder

Die Kinder Wilhelms II. gründeten in der Adventszeit einen Familienchor, um Weihnachtslieder einzustudieren, die am Heiligen Abend vorgetragen werden sollten. Der Chor bestand aus den sechs Söhnen und der Tochter des Kaisers, verstärkt wurde er von der Hofdame Claire von Gersdorff sowie durch zwei Adjutanten. Die Leitung lag in den Händen des Hofpredigers Johannes Kessler.

In den Wochen vor dem Weihnachtsfest trafen im Neuen Palais die ersten Geschenke für die Mitglieder der kaiserlichen Familie ein. Diese wurden im Vorzimmer des Kaisers, dem sogenannten Weihnachtszimmer, bis zum Heiligen Abend aufbewahrt.

Ausreichend Platz für die Geschenke: Das Weihnachtszimmer im Neuen Palais. Foto: Roland Handrick

In der Weihnachtszeit bildete der Grottensaal das Zentrum des Familienlebens. Die reiche Dekoration mit Muscheln und Mineralien gaben dem Saal eine besondere Atmosphäre … Die Weihnachtsvorbereitungen begannen am 21. Dezember mit der Entfernung des kostbaren Teppichs, um diesen vor herabtropfendem Kerzenwachs zu bewahren. Zum Schutz des Marmorbodens war ein einfacher Teppich ausgelegt worden. Die Christbäume wurden im naheliegenden Wildpark geschlagen und durch den Fasanerie-Förster Drzymalla geliefert.

Auf Wunsch der Kaiserin erhielt jedes ihrer sieben Kinder seinen eigenen Baum. Dabei wurde darauf geachtet, dass die Größe der Christbäume dem Alter der Kinder entsprach. Auch das Kaiserpaar hatte jeweils einen eigenen Baum. Die stattlichen Tannen waren vor den Pfeilern an der Seite zum Tamerlanzimmer hin platziert, während die Bäume der Kinder auf zwei langen Tischen an der Fensterseite standen. Vor den beiden Pfeilern vor der Marmorgalerie waren für die Hofdamen der Kaiserin sowie für weitere Familienmitglieder, die als Gäste am Weihnachtsfest teilnahmen, zwei Bäume aufgestellt worden.

Der ganze Saal wurde weihnachtlich dekoriert. Dazu gehörte es, dass selbst in den vier Fontainenbecken kleinere Weihnachtsbäume gestellt und die Brunneneinfassungen mit Tannengrün dekoriert wurden. Am 23. Dezember wurden die Bäume in Anwesenheit des Kaiserpaares geschmückt. Über die Art des Schmucks ist wenig bekannt. Sicher ist, dass zum Behang 100 italienische Pinienäpfel „der länglichen Sorte“ gehörten, die jährlich über die deutsche Botschaft in Rom beschafft wurden.

Drei der fünf Fenster wurden mit schwarzem Tuch zugehängt, vor dem mittleren Fenster ist jedes Jahr die Weihnachtskrippe aufgestellt und durch Gärtner mit Moos dekoriert worden. Zu den Weihnachtsbräuchen gehörte es, dass der Kronleuchter in der Mitte des Saales mit einem Strauch Misteln geschmückt wurde.

Der Grottensaal im Neuen Palais, zum kaiserlichen Weihnachtsfest war er opulent geschmückt. Foto: Gerhard Murza

Am Vormittag des Heiligen Abends verteilte die Kaiserin mit Unterstützung ihrer Hofdamen die Geschenke auf die Gabentische, die neben den Bäumen aufgestellt worden waren. Am frühen Nachmittag traf sich der Familienchor im Silbersalon, um dem Kaiserpaar die einstudierten Weihnachtslieder vorzusingen und die Weihnachtsgeschichte aufzusagen.

Der Kaiser begab sich um 15 Uhr zur Weihnachtsbescherung der Leib-Kompanie des 1. Garde Regiments zu Fuß in die Priesterstraße. Zur gleichen Zeit bescherte die Kaiserin die Hofdienerschaft im Schildersaal. Bei der Wahl der Geschenke war auf die persönlichen Wünsche der Angestellten eingegangen worden. Auguste Victoria übergab die Präsente und richtete einige Worte an jeden Einzelnen. Diesen Brauch, der am preußischen Hof unbekannt war, kannte die Kaiserin aus ihrer niederschlesischen Heimat Primkenau (Przemków), sie hatte ihn 1888 zum ersten Weihnachtsfest nach der Thronbesteigung ihres Mannes in Potsdam eingeführt.

Um 16 Uhr begann im Apollosaal das Weihnachtsdiner, an dem außer der kaiserlichen Familie auch das Gefolge, wie Flügeladjutanten, Hofdamen und Erzieher teilnahmen. Mit dem Heranwachsen der Kinder wurde der Hofstaat umfangreicher, so dass das Weihnachtsdiner ab 1902 in die flächenmäßig größere Marmorgalerie verlegt worden ist.

Um 16 Uhr fand sich die Familie bis 1901 im Unteren Fürstenquartier im sogenannten Apollosaal zum Weihnachtsdiner ein. Foto: Wolfgang Pfauder

Traditionell begann das Diner mit „Karpfen blau“. Landwirtschaftsminister Victor von Podbielski sorgte persönlich dafür, dass 25 Pfund Karpfen aus der Oberförsterei Steinbusch an das Oberhofmarschallamt geliefert wurden. Es folgte „Schinkenauflauf mit grünem Spargel“ sowie als Höhepunkt des Essens die Weihnachtsgans. Im Anschluss wurden „Mince Pies“, ein süßes Mürbegebäck mit einer Rosinen- und Apfelfüllung, gereicht. Die Mutter Wilhelms II., Kaiserin Victoria, hatte aus ihrer englischen Heimat die Pasteten am preußischen Hof etabliert. Eine weitere Tradition, die Victoria begründet hatte, war das Servieren von Christmas Pudding. Kaisertochter Victoria Luise erinnerte sich, dass der Pudding „mit Alkohol übergossen und brennend hereingetragen wurde. Jeder war darauf bedacht, dass auch sein Stück brannte, da man sagte, das bringe Glück.“

Nachdem das Läuten der Glocke verkündete, dass die Bescherung bevorstand, begab sich die Festgesellschaft zum Grottensaal. Nach dem Öffnen der Flügeltür um Punkt 16.45 Uhr bot sich ein beeindruckender Anblick. Durch die Reflektion des Lichtes der Kerzen an den Christbäumen war ein besonderer Zauber entstanden. „An unseren Tischen angekommen, hieß es noch einmal warten, bis die Eltern jedem einzelnen seine Geschenke überreichten.“

Im Jahr 1899 erhielt der 16-jährige Eitel Friedrich das Buch „Der Trompeter von Säckingen“, Adalbert bekam ein gerahmtes Bild der Kaiserin Augusta, für August Wilhelm war eine Schwarzwälder Uhr besorgt worden, der 11-jährige Oskar erhielt zwei Bücher über Malerische Studien, der jüngste Sohn Joachim bekam das Spiel „Klar Schiff“ und für Victoria Luise waren ein Schirm, ein Teetisch mit drei Tellern, drei Tassen sowie zwei Hundewelpen ausgewählt worden.

Ein besonderes Geschenk erhielt in jenem Jahr der 17-jährige Kronprinz Wilhelm. Der Thronerbe wünschte sich eine Violine zu Weihnachten. Er bekam die kostbare Amati-Geige aus dem Besitz Friedrichs des Großen. Bei der Übereignung des Instrumentes wies der Chef des Zivilkabinetts, Hermann von Lucanus, ausdrücklich darauf hin, dass die Violine Eigentum der Krone sei und dem Kronprinzen nur zur Benutzung überwiesen worden ist. Nachdem das Instrument durch den Konzertmeister Johann Strauss eingespielt wurde, konnte die Violine auf den Gabentisch des Kronprinzen gelegt werden.

Über die Geschenke, die der Kaiser und die Kaiserin erhalten haben, sind wir durch Aufzeichnungen des Oberhofmarschallamtes genau informiert. 1903 bestand die Liste der Geschenke für Wilhelm II. aus 43 Einzelpositionen. Dazu gehörten ein „Jagdgewehr mit aufgeschraubten Fernrohr“, zwei „große blaue Vasen mit Tannenmalerei“ (vom Zaren von Russland), zwei „Deckelvasen (Delft-Muster) mit Engelmalerei“ (vom Großherzogpaar von Baden), eine Garnitur (5 Stück) goldene Manschettenknöpfe, mit der Kaiserstandarte“, ein „Hemdenknopf mit Etui, großer Opal“, eine versilberte, innen vergoldete Zigarettendose, eine „Marmorfigur auf schwarzem Grund, Friedrich den Großen darstellend“, ein Hafenbild in Goldrahmen (von Prof. Carl Saltzmann), eine gerahmte Bleistiftzeichnung des Reichskanzlers Bernhard von Bülow, mehrere englische Bücher, darunter ein Buch über Königin Victoria.

Die Geschenke für die Kaiserin waren ähnlich umfangreich wie die ihres Mannes. Im Jahr 1903 erhielt Auguste Victoria zehn Zobel, „drei Pakete“ Chinchilla-Pelze, einen Nerzkragen, eine Boa aus weißen Straußenfedern sowie einen goldenen Schirmstock mit großem Opal (alle von Wilhelm II.), einen Fächer mit dem Bildnis der Prinzessin Victoria Luise (von Gräfin von Brockdorff), zwei große Straußenfedern (von Prinz Adalbert), eine Bleistiftzeichnung mit dem Porträt des Prinzen Adalbert (von Claire von Gersdorff), einen „Photographische[n] Apparat mit Holzstativ“ sowie einen Hand-Atlas von Stieler. An der Bescherung nahmen die Hofdamen der Kaiserin, die Herren des Gefolges des Kaisers sowie die Erzieherinnen und Gouverneure der Kinder teil.
Ein besonderer Effekt wurde mit dem Anzünden der Kronleuchter und Weihnachtsbäume im Grottensaal geboten. Alle am Kronleuchter aufgesteckten Wachskerzen waren durch einen langen Docht miteinander verbunden, so dass die Lampiers nur eine Kerze anzünden mussten, im Dominoeffekt erfolgte dann das Abbrennen des Dochtes und das Anzünden jeder einzelnen Kerze. Am Weihnachtsabend waren die Christbäume mit den Kronleuchtern verbunden worden, so dass das Kerzenlicht auf die Bäume übergeleitet wurde - ein einzigartiges Schauspiel. Gegen 19.15 Uhr zogen sich die Familie und das Gefolge zurück. Aber schon um 20.30 Uhr traf sich das Kaiserpaar mit seinen Gästen zu einer zweiten Abendtafel im Grottensaal wieder zusammen. Der Heilige Abend wurde schließlich gegen 23.00 Uhr beschlossen…

Der Besuch eines Gottesdienstes fand traditionell erst am 25. Dezember statt. Die kaiserliche Familie begab sich mit Kutschen, später Automobilen, zur Garnisonkirche in Potsdam oder der Friedenskirche im Park Sanssouci. Nach dem Ende des Gottesdienstes legten sie den Weg bei gutem Wetter zu Fuß in das Neue Palais zurück und widmeten sich dem weihnachtlichen Familienleben.

Am 25. Dezember besuchte die Kaiserfamilie die Friedenskirche in Sanssouci. Foto: Bernd Kröger


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