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Fingerübung für Sanssouci

28. Juni 2016, veröffentlicht von Elvira Kühn

Sensationeller Fund im Lenné-Jahr 2016: Im ungarischen Nationalarchiv in Budapest lagerte unerkannt der früheste große Entwurf des Gartenkünstlers Peter Joseph Lenné

Ein Beitrag von Sylvia Butenschön

Bisher unentdeckt: Die erste große Gestaltungsidee von Peter Joseph Lenné.
Ungarisches Nationalarchiv Budapest, MNL OL S 70 No. 003

Eine reizvolle und verlockende Aufgabe für einen jungen Gärtnergehilfen: Zwei bis drei Monate hätte er von dem in Aussicht gestellten Preisgeld sehr gut leben können. Peter Joseph Lenné beteiligte sich 1813 von Wien aus an einem öffentlichen Wettbewerb für die Gestaltung eines Stadtparks in Budapest. Den ersten Platz belegte er allerdings nicht. Gewinner des Wettbewerbs war Heinrich Nebbien, dessen Konzept in Grundzügen in den nächsten Jahren umgesetzt wurde. Lennés Entwurf für die Gestaltung des Stadtwäldchens (ungarisch: Városliget) wurde vergessen.

Als erstes bekanntes Werk galt bislang Lennés Entwurfsplan für den bei Wien gelegenen Laxenburger Schlosspark von 1815. Ein Jahr später nahm Peter Joseph Lenné eine Stelle am preußischen Hof an und prägte von da an fast ein halbes Jahrhundert lang die Gartenkunst in Preußen. Forschungen zur Geschichte von Stadtparks in Europa am Fachgebiet Denkmalpflege der TU Berlin führten nun zur Entdeckung von Lennés frühestem Entwurf, dem Wettbewerbsbeitrag für eine große städtische Parkanlage.

Lennés Plan hat im Vergleich zu den konkurrierenden Vorschlägen eine ganz eigene Formensprache, die schon die Eleganz seiner späteren bekannten Entwürfe zeigt. Die Wege erschließen das über 100 Hektar große Gelände in weich geschwungenen Bögen. An Übergängen zu Platzflächen weiten sich die Wege sanft trichterförmig auf, Gebäude stellt Lenné in der Regel frei auf die Platzflächen. Wie auch in den Potsdamer Anlagen ist ihm das Zusammenspiel von Wegeführung und Topographie ein wichtiges Anliegen. An verschiedenen Stellen sind durch Flächentönung und Schraffuren Hügel angedeutet, die die natürliche Topographie des Geländes überhöhen oder ergänzen. Diese Bodenmodellierung sollte sicherlich aus dem Aushub des geplanten großen Sees entstehen.

Die Wasserfläche im Zentrum des Parks und die weiten offenen Wiesenflächen mit sehr abwechslungsreichen Randlinien durch vor- und zurückspringende Baumgruppen begründen einen großzügigen Raumcharakter. In den verschiedenen Bereichen der Anlage erzeugt Lenné durch die Pflanzenverwendung unterschiedliche Atmosphären. So sind zwei Parkabschnitte deutlich durch Nadelgehölze geprägt. In anderen Teilen dominieren Laubbäume und manche Partien weisen auch Elemente der Kulturlandschaft auf, wie den großen Weinberg in der Verlängerung der aus der Stadt zum Park führenden Achse.

Planausschnitt Weinberg

Im Bereich des Stadtwäldchens hatte es auch zuvor – auf ebener Fläche und in rechteckigen Feldern – Weinanbau gegeben. Lenné greift dieses gartenbauliche Motiv also auf, verwandelt es aber in ein ästhetisches Bild. Auf annähernd ovalem Grundriss will er einen Weinberg entstehen lassen, der von einem runden Gebäude, vielleicht einem kleinen Tempel, bekrönt wird. Ein schmaler geschwungener Weg windet sich durch die Weinreben zur Hügelkuppe, wo Sitzmöglichkeiten bestehen und die Besucher eine Aussicht über die umliegenden Wiesen genießen können.

Die Bepflanzung in der Umgebung des Hügels ist abwechslungsreich. Zum Parkrand hin ist die eine Seite des Ausgangs mit dunklen Nadelgehölzen besetzt, während auf der anderen Seite eine Gehölzpartie aus Laubhölzern in unterschiedlicher Tönung und Wuchsform besteht. Auf den Wiesenflächen gibt es Baumgruppen aus jeweils zwei bis fünf Laubbäumen derselben Art ohne Unterwuchs von Sträuchern. So kann man als Besucher von den Wegen aus zwischen den Stämmen der Bäume hindurch schauen. Daneben plant Lenné aber auch gemischte Gehölzgruppen aus Bäumen und Sträuchern ein, die als dichte Pflanzung die Durchblicke an bestimmten Stellen versperren. So erzeugt er Räumlichkeit und Tiefe in den Wiesenflächen.

Die relativ wenigen Baulichkeiten im Park sind in der Wahrnehmung der Anlage bedeutend als Endpunkte ebenso wie als Ausgangspunkte für Blickachsen, die auch über die Parkgrenzen hinaus reichen. Die Besucher sollten aus ihrem Stadtpark auf die Kirchen der Stadt und die Festung schauen können. Diese optischen Verbindungen waren im Vorlagenplan, der den Wettbewerbsteilnehmern zur Verfügung gestellt wurde, schon markiert. Lenné greift die Idee auf und führt sie fort – später entwickeln sich diese in gestrichelter Linie dargestellten Sichtlinien fast zu einem Markenzeichen seiner Pläne.

Planausschnitt Inseln

Der obere Planausschnitt zeigt, dass viele Blicke über die große Wasserfläche des Sees gehen, der eine elegant gebuchtete und sanft geschwungene Uferlinie aufweist. Zwei vorhandene große Inseln übernimmt Lenné und verbindet sie mit einer dritten kleineren. Auf dieser Inselgruppe sind die Wege verhältnismäßig schmal. Dieser Parkteil ist wohl als ein Rückzugsort für intimere Spaziergänge gedacht. Der Zugang zu den Inseln ist aufwändig inszeniert – an dem schmalen Wasserlauf, der die Inseln vom „Festland“ trennt, werden die Ufer beidseitig mit Steinsetzungen eingefasst. Ähnliche Darstellungen von einem mit Steinen einfassten Wasserlauf finden sich auch in den Entwürfen Lennés für den Schlosspark Laxenburg 1815 oder den Pleasureground Glienicke von 1816.

Lennés anschauliche und attraktive Planzeichnung hebt seinen Beitrag von denen seiner Mitbewerber ab. In der vogelschauartigen Darstellung der Gehölze sind sogar einzelne Arten wie Trauerweiden und Säulenpappeln identifizierbar. Der Planausschnitt der Inseln zeigt besonders anschaulich diese Trauerweiden, die Lenné in großer Menge am Seeufer anordnet. Daneben gibt es niedrige Strauchgruppen und größere Gehölze mit unterschiedlicher Kronenform. Unterstrichen wird die Kleinteiligkeit in der Gehölzpflanzung durch eine differenzierte Farbigkeit des Plans: Nadelgehölzpartien sind bläulich getönt, einige Laubgehölzflächen wirken als sei eine mögliche Herbstfärbung schon angedeutet. In seinem heiteren Charakter ist der Plan von großer Schönheit – man hätte dem jungen Gartenkünstler den Gewinn des Wettbewerbs gewünscht!


Dr.-Ing. Sylvia Butenschön ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Denkmalpflege der TU Berlin und forscht zur Gartenkulturgeschichte, insbesondere der Geschichte öffentlicher Grünflächen.

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