Blog der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg

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Eine botanische Rarität

03. August 2018, veröffentlicht von SPSG

In der Schlossgärtnerei Charlottenburg blüht eine Agave mit ungewöhnlich vielen Blüten

Bis eine Agave blüht, vergehen unglaubliche 40 bis 100 Jahre – wenn sie überhaupt zur Blüte gelangt. Daher auch ihr englischer Name: century plant – Jahrhundertpflanze. Mit viel Glück erstrahlt sie nach Jahrzehnten für einen kurzen Moment: dann entwickelt die Agave einen bis zu 9 Meter hohen Blütenstand, an dessen Ende sich prächtige gelbe Blüten öffnen. Nach diesem überwältigenden Fanal hat die Pflanze meist all ihre Energie verbraucht und stirbt ab. Das mit 8897 Blüten ungewöhnlich prachtvolle Exemplar in der Parkgärtnerei Charlottenburg zeigt sich derzeit in ihrer ganzen leuchtenden Schönheit – und am 11. August 2018 laden wir Sie ganz herzlich ein, sie aus der Nähe zu betrachten.

Von Guranda Gurgenadze

Die Agave americana ist eigentlich in Mexiko und einigen Südstaaten der USA beheimatet. Besonders wohl fühlt sie sich also in heißen, trockenen Regionen. Eine Agavenblüte ist deshalb bei den gemäßigten klimatischen Bedingungen in Mitteleuropa keineswegs der Normalfall. Es gibt nur relativ wenige dokumentierte Ereignisse – in den Gärten des Schlosses Charlottenburg fand eine solche Blüte zuletzt im Jahr 1838 statt!

Nun kommt es in diesen Wochen, exakt 180 Jahre später, in der Parkgärtnerei von Schloss Charlottenburg wieder zur Blüte einer Agave americana. Die lange Zeit ohne Agavenblüte in Charlottenburg liegt auch an der wechselvollen Geschichte der Gärtnerei: Während der bitterkalten Winter im Ersten Weltkrieg wurden viele Kriegsverletzte in der Orangerie untergebracht. Die schutzbedürftigen Pflanzen mussten vor die Tür und sind damals allesamt erfroren. „Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hatten wir praktisch keinen Pflanzenbestand mehr in der Orangerie“, berichtet Monika Deißler, Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Gartenabteilung der SPSG.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg konnte daran etwas geändert werden. „Nach 1945 musste der Bestand komplett neu aufgebaut werden. Vermutlich traf die Agave in den 1960er Jahren mit dem wiederaufgebauten Orangerie-Bestand im Schlossgarten ein.“ Wie der Orangerie-Gärtner Oliver Philipp noch ergänzt, habe man die Agave vom Land Berlin übernommen und es war damals keine Aufzeichnung über ihre Herkunft zu finden.

Nun kümmern sich die Gärtner sehr liebevoll und besonders intensiv um die Pflanze. Seitdem die ersten Blüten das Licht der Welt erblickten, wird die Agave intensiv gedüngt und jeden zweiten Tag gewässert, damit es während dieser ungewöhnlich langen sowie heißen Trockenphase nicht zu einem Nährstoffmangel kommt und auch die höchsten Agavenblüten noch genug Wasser bekommen.

Das Heranwachsen des Blütenstands seit April 2018:

„Sie blüht früher als gedacht. Vielleicht auch wegen der aktuellen Wetterlage“, sagt Fachbereichsleiter Gerhard Klein. Inzwischen sind auch schon die Blüten ausgezählt: Mit beachtlichen 8897 Einzelblüten hat die knapp 60 Jahre alte und sieben Meter hohe Agave fast doppelt so viele Blüten wie die letzte!

Die Blüten der Charlottenburger Agave:

Deißler zufolge war Orangerist Oliver Philipp der Agaven-Retter, der sich für den Erhalt des Spargelgewächses einsetzte und die Pflanze zum Blühen brachte. Philipp ist für alle Kübelpflanzen im Schlossgarten Charlottenburg zuständig, deren Bestand 800 bis 1000 Pflanzen umfasst. Da die Agave, die zusammen mit einer zweiten die Umgebung des Neuen Pavillon schmückte, wegen ihrer Größe und Empfindlichkeit nicht mehr transportiert bzw. umgetopft werden konnte, sollte sie eigentlich verkauft werden: „Eine Pflanze, die man nicht im Garten aufstellen kann, können wir nicht behalten.“ Dafür sind die Pflegekosten und der zeitliche Aufwand für die Pflege einfach zu hoch. Orangerie-Gärtner Philipp wollte sie trotzdem behalten – und kümmerte sich fortan liebevoll und sichtbar erfolgreich um sie.

Ein Sujet für den Künstler

Die Agavenblüte übte schon in der Vergangenheit eine ganz besondere Faszination aus. Das seltene Ereignis wurde publiziert, auf Medaillen festgehalten, in Kupfer gestochen, in Gedichten verherrlicht oder auch in Öl gemalt. Die Agave wurde als Thema in verschiedenen Gattungen verwendet, insbesondere im Stillleben und in der Deckenmalerei. Ein populäres Beispiel ist das Voltairezimmer im Schloss Sanssouci, das durch zahlreiche Bemalungen in Form von Früchten, Pflanzen, Tieren und Vögeln besticht und natürlich Agaven zeigt.

Die Blüte der Agave – Eine symbolische Ankündigung

Neben der künstlerischen Anziehungskraft hat man der Agave auch symbolische Bedeutung zugeschrieben. Das Blühen und das darauffolgende Absterben der Agave verband man mit den bevorstehenden Ereignissen in einem Herrscherhaus, nämlich mit dem Tod eines Königs und der Geburt eines künftigen Thronerben. Der Originaltext aus der „Geschichte Friedrichs des Großen“ von Franz Kugler, der diese Begebenheit über die Agave schildert, bestätigt die Wertung der Pflanze als symbolische Ankündigung zur Endzeit und gleichzeitig als ein Symbol für die generative Kraft einer Dynastie. Das Absterben der Pflanze im Jahr 1713 wurde damit mit dem Tod des Königs Friedrich I. in Zusammenhang gebracht:  

„Einige Monate nach der Geburt des Prinzen, im Frühjahr und Sommer 1712, erblühte im königlichen Lustgarten zu Köpenick, in der Nähe von Berlin, eine amerikanische Aloe, welche daselbst schon vierundvierzig Jahre ohne zu blühen gestanden hatte, zu ungemeiner Größe und Fülle. Sie trieb einen Stamm von ein und dreißig Fuß Höhe, an welchem man 7277 Blüten zählte. Tausende strömten von nah und fern herzu, um dies Wunder der Natur zu sehen; […] Den Hoffnungen, welche die Geburt des künftigen Thronerben belebt hatte, schien hier eine neue Bestätigung gegeben. Aber man ließ auch nicht unbemerkt, daß die Pflanze selbst absterbe, während die Blütenkrone sich in vollster Pracht zeige; man deutete dies auf den bevorstehenden Tod des Königs.
Eine solche Deutung war freilich so gar nicht verwegen, da der König schon längere Zeit kränkelte. Die Geburt seines Enkels war der letzte freudige Glanz seines Lebens gewesen. Am Geburtstage desselben im folgenden Jahre, bei dem Fest, welches der Kronprinz zur Feier des Tages veranstaltet hatte, erschien er zum letzten Male öffentlich.“

Die Agave americana können Sie am 11. August 2018 in schönster Blüte erleben! Bitte beachten Sie, dass der Zugang zur Parkgärtnerei Charlottenburg ausschließlich über Fürstenbrunner Weg 62–70, 14059 Berlin erfolgt.

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