Fünf Mal Van Dyck

SPSG untersucht derzeit im Rahmen eines Forschungsprojekts ihren einzigartigen Bestand flämischer Gemälde

Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) untersucht ihren herausragenden Bestand von ca. 200 Gemälden der flämischen Malerei. Dazu gehören zahlreiche Spitzenwerke der berühmtesten Antwerpener Meister des 17. Jahrhunderts. Im Fokus stehen vor allem die Werke von Peter Paul Rubens (1577-1640), Jacob Jordaens (1593-1678), Anthonis van Dyck (1599-1641) und dessen talentiertestem Nachfolger Thomas Willeboirts Bosschaert (1614-1654). 

Ihre kraftvollen biblischen und mythologischen Historiengemälde oder eleganten Liebesszenen nach literarischen Vorlagen sowie ihre exzellente Porträtkunst, zählen zu den wichtigsten Sammlungsbeständen der SPSG. Im Rahmen eines Arbeitsbesuchs hat sich der Staatsminister für Kultur und Medien, Herr Dr. Wolfram Weimer, heute im Wissenschafts- und Restaurierungszentrum der SPSG am Potsdamer Park Sanssouci über dieses interdisziplinäre Forschungsprojekt informiert. Dessen Ergebnisse sollen in einen Bestandskatalog aufgenommen werden, der aktuell erarbeitet wird. 

Der Katalog wird die neuesten Erkenntnisse zu den Gemälden, ihrer Entstehungs- und Sammlungsgeschichte enthalten, die Bekanntheit des Bestandes erhöhen und die internationale Forschung zur Arbeitsweise und zum Oeuvre dieser Maler bereichern.

Kulturstaatsminister Dr. Wolfram Weimer: „Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg ist weit mehr als eine Bewahrerin historischer Bauten und Gärten: Sie gehört zu den zentralen Institutionen der deutschen und europäischen Kulturlandschaft und verfügt über eine Gemäldesammlung von internationalem Rang – von Cranach dem Älteren und dem Jüngeren über Caravaggio, Watteau bis zu den flämischen Malern Rubens und van Dyck. Die Untersuchungen der gezeigten fünf Werke aus unterschiedlichen Schaffensphasen von Anthonis van Dyck sind ein Beispiel modernster Forschungspraxis. Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten sichert auf diese Weise kulturelles Erbe von internationaler Bedeutung, fördert Forschung und stärkt Deutschland als internationalen Kulturstandort. Hier lässt sich europäische Kunst- und Kulturgeschichte hautnah miterleben. Die Stiftung verbindet auf beispielhafte Weise Bewahrung und Forschung mit öffentlicher Vermittlung. Sie macht so ihre Gemäldesammlungen zu einem lebendigen Bestandteil des internationalen Kulturdialogs.“

Der Generaldirektor der SPSG, Prof. Dr. Christoph Martin Vogtherr, sagt: „Die Untersuchung unseres herausragenden Bestands flämischer Gemälde ermöglicht nicht nur neue wissenschaftliche Einblicke in die Arbeitsweisen der Antwerpener Meister, sondern ist auch in die internationale Forschung eingebunden. Der Bestandskatalog wird Erkenntnisse zur Entstehung, zur Sammlungsgeschichte und zu den Restaurierungsprozessen bündeln, unsere Sammlungen sichtbarer machen und deren Erhalt nachhaltig sichern helfen. Darüber hinaus wird er eine unverzichtbare Grundlage für die zukünftige Vermittlung dieser einzigartigen Kunstwerke sein.“

Einmalige Gelegenheit
Bis 2027 werden sich die Forschungen mit den Gemälden von Anthonis van Dyck befassen, der neben Rubens einer der bedeutendsten Künstler Antwerpens war. Insgesamt fast 30 Gemälde, darunter neun originale Werke sowie Werkstattwiederholungen und Kopien, sind zu untersuchen. Das Forschungsprojekt ermöglicht nun das Zusammentreffen von fünf Gemälden Van Dycks aus unterschiedlichen Schaffensphasen, die gleichzeitig im Restaurierungsatelier für Gemälde erforscht werden können. Eine einmalige Gelegenheit, da die Bilder normalerweise in der Bildergalerie im Park Sanssouci, im Neuen Palais oder im Schloss Oranienburg präsentiert werden. 

1.    GK I 10623, Anthonis van Dyck: Die Ausgießung des Heiligen Geistes, um 1618-20, Öl auf Leinwand, 265 x 220 cm
Das Gemälde ist ein frühes Werk Van Dycks, das der junge Künstler während der ersten Antwerpener Phase in seiner Heimatstadt als selbständiger Maler ausführte. Neben dieser eigenständigen Tätigkeit übernahm er in diesen Jahren gleichzeitig eine wichtige Rolle als Mitarbeiter in der Werkstatt von Rubens. Das Bild war Teil einer Serie von drei monumentalen Altargemälden aus der Abtei Ter Duinen in Brügge. Die Serie wurde Mitte des 18. Jahrhunderts vom preußischen König Friedrich II. (der Große, 1712-1786) erworben und in die Hängung seiner neu errichteten Bildergalerie im Park Sanssouci integriert. Es zeigt das Pfingstwunder bzw. die „Ausgießung des Heiligen Geistes“. Da die beiden anderen Teile seit 1945 zu den Kriegsverlusten der Gemäldegalerie der Berliner Museen gehören, ist das verbliebene Gemälde ein herausragendes Zeugnis der frühen Tätigkeit des Künstlers.

2.    GK I 5224, Anthonis van Dyck: Die Anbetung der Könige, um 1620, Öl auf Leinwand, 216 x 236 cm
Dieses Gemälde ist ebenfalls ein frühes Werk des Künstlers, das dieser jedoch in der Antwerpener Werkstatt von Rubens unter dessen Anleitung ausführte. Es ist davon auszugehen, dass Rubens die Komposition entwarf und der junge Van Dyck die Ausführung übernahm. Gezeigt ist die Anbetung des Christuskindes durch die heiligen drei Könige. Das Gemälde wurde von König Friedrich II. im französischen Kunsthandel erworben und in die Ersthängung im Neuen Palais eingefügt.

3.    GK I 7574, Anthonis van Dyck: Rinaldo und Armida, vermutlich Herbst/Winter 1629, Öl auf Leinwand, 187,5 x 147 cm 
Die Darstellung von „Rinaldo und Armida“ zählt zu den schönsten und elegantesten Liebesszenen im Oeuvre Van Dycks. Sie basiert auf Torquato Tassos (1544-1595) epischem Gedicht „La Gerusalemme Liberata“ und wurde 1756 von Friedrich II. in Paris erworben und in der Bildergalerie im Park Sanssouci gezeigt. Ein Gemälde in Baltimore gilt heute als originale Erstversion, während das Potsdamer Bild als Wiederholung der Werkstatt angefertigt wurde.

4.    GK I 915, Anthonis van Dyck: König Karl I. von England, 1637, Öl auf Leinwand, 236 x 117 cm
5.    GK I 919, Anthonis van Dyck: Königin Henrietta Maria von England, 1637, Öl auf Leinwand, 233,4 x 116,4 cm
Seit 1632 war Anthonis van Dyck als Hofmaler am Hofe des englischen Königs Karl I. (1600-1649) und seiner Ehefrau, der französischen Prinzessin Henrietta Maria (1609-1669), tätig. Er wurde geadelt und erhielt viele Aufträge des Hofes und der englischen Aristokratie, fast ausschließlich für Bildnisse. Die Werke dieser Zeit gehören zu den besten Zeugnissen der Bildnismalerei. Die beiden Porträts des Königspaares in Staatsrobe waren ein Auftrag des niederländischen Statthalters Friedrich Heinrich von Oranien-Nassau (1584-1647) für dessen Schloss in Rijswijck. Über die sogenannte Oranische Erbschaft gelangte das Porträtpaar im 18. Jahrhundert in die preußischen Sammlungen und gehört seitdem zu deren Spitzenstücken.

Was wird untersucht?
Die Untersuchung dieses Sammlungsbestandes wird durch ein Team von Kunsthistorikerinnen und -historikern, Restauratorinnen und Restauratoren, Naturwissenschaftlern und Fotografen durchgeführt, die ihre wissenschaftlichen Expertisen bündeln. Dabei beschäftigt sich die kunsthistorische Forschung u. a. mit den Inhalten und Traditionen dargestellter Themen, dem Oeuvre des Künstlers und der Sammlungsgeschichte der Gemälde. Mitarbeitende der Restaurierungsabteilung untersuchen die Technologie der Bildentstehung und die Veränderungen am Bild. Zudem werden spätere Eingriffe, Spuren der Restaurierungen vergangener Jahrhunderte und Alterungsprozesse der Materialien dokumentiert. Auf dieser Grundlage können dann Strategien zur Erhaltung der Gemälde entwickelt werden. Untersuchungen mit dem Mikroskop und die Nutzung bildgebender Verfahren wie Röntgenaufnahmen und Infrarotreflektografie ermöglichen einen Blick unter die Oberfläche der heute sichtbaren Darstellung. Auf diese Weise werden beispielsweise frühe – wieder verworfene – Ideen der Künstler nach fast 400 Jahren wieder nachvollziehbar. Dies erlaubt einzigartige Einblicke in die Arbeitsmethoden der Maler. In gleicher Weise liefern Untersuchungen des Malschichtaufbaus und die Identifizierung der verwendeten Pigmente durch die Röntgenfluoreszensanalyse (RFA) wertvolle Erkenntnisse über die Arbeitsweise der Künstler und die Verwendung von Farbpigmenten. 

Die Sammlung
Die untersuchten Gemälde entstammen den Sammlungen, die ausgehend von den Kurfürsten von Brandenburg über die preußischen Könige bis hin zum deutschen Kaiserhaus zusammengetragen wurden. Als leidenschaftliche Sammler flämischer Malerei des 17. Jahrhunderts prägten vor allem der „Große Kurfürst“ Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620-1688) und König Friedrich II. den Bestand. Neben den heute noch in den Sammlungen der SPSG vorhandenen Gemälden wird der Katalog jedoch auch auf verlorene Werke hinweisen und damit die einstige Größe und Bedeutung der kurbrandenburgisch-preußischen Sammlungen seit dem 17. Jahrhundert erfahrbar werden lassen. Durch Abgaben, Verkäufe und Kriegsverluste sind bedeutende Werke des ursprünglichen Bestandes heute weltweit verstreut. Deshalb steht das Projektteam der SPSG im internationalen Austausch mit Museen und anderen Sammlungen sowie Forschungszentren. Das Projekt wird weitgehend durch Spenden finanziert.

Die Bestandskataloge
Die Erschließung und wissenschaftliche Bearbeitung der eigenen Sammlung gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Museen weltweit und ist auch eine zentrale Aufgabe der SPSG. Die Stiftung hat deshalb im Jahr 2000 eine eigene Reihe wissenschaftlicher Bestandskataloge begründet, die zwischenzeitlich durch Online-Veröffentlichungen ergänzt werden. Mit ihnen sollen die Kunstsammlungen der preußischen Schlösser umfassend erforscht und publiziert werden.

Zahlreiche Bände sind bereits erschienen: zu Kronleuchtern, zu Seiden in den preußischen Schlössern und Textilien, zur Antikensammlung, zu Möbeln, Französischen Gemälden sowie zu Kutschen, Schlitten und Sänften. Online erschien der Bestand der eigenhändigen Zeichnungen König Friedrich Wilhelms IV. (1795-1861), der Flugschriften des Siebenjährigen Krieges sowie der Münzen und Medaillen. 

Darüber hinaus dokumentieren zwei Verlustkataloge den Gemälde-Bestand, der infolge des Zweiten Weltkriegs verloren ging. Weitere Bestandskataloge sind geplant: Zur friderizianischen Möbelkunst, zu Lucas Cranach und der Deutschen Malerei des 16. Jahrhunderts, zur Flämischen Malerei des 17. Jahrhunderts sowie zur Französischen Malerei des 18. Jahrhunderts. Digital erscheinen wird der Bestand Ostasiatischer Porzellane der SPSG.

Pressekontakt

Frank Kallensee
SPSG | Generaldirektion

Pressesprecher

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