Blog der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg

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Dialoge schaffen: Zeitzeug*innen erzählen von ihren Grenzerfahrungen im heutigen UNESCO-Welterbe Preußische Schlösser und Gärten

25. Mai 2021, veröffentlicht von SPSG

1980: Frühling im Park Babelsberg. Während eines Spaziergangs durchquerte Hans-Joachim Saßik mit seiner Familie den menschenleeren Park Babelsberg in Richtung Schloss. Vor dem Schloss stehend erklärte er seiner Frau aufgeregt gestikulierend den Aufbau der davor befindlichen, aber durch Wildwuchs schwer einsehbaren, Grenzanlage. Lautes Hundegebell ließ erahnen, dass die Grenze nicht fern sein konnte. Auf dem Rückweg wurde die Familie von einer Motorradstreife der Polizei aufgehalten. Wahrscheinlich war ihr Interesse am Aufbau der Grenzanlage aufgefallen. Die Familie hatte das Gefühl, von ihnen gezielt gesucht worden zu sein. Sie wurden ausführlich zu ihrem Besuchsgrund befragt und die Personalien aufgenommen. Bei der Kontrolle der Ausweispapiere wurden alle Angaben laut und deutlich vorgelesen, vermutlich schrieb eine zweite Seite alles mit. Das beängstigende Ereignis war letztlich einer von vielen Gründen, warum die Familie später aus der DDR floh. [Basierend auf Zeitzeugenbericht von Hans-Joachim Saßik.]

Wie dieses Erlebnis zeigt, sind die preußischen Schlösser und Gärten rund um die Glienicker Brücke auch im 20. Jahrhundert Spiegel von Weltgeschichte. Die deutsch-deutsche Grenze zerschnitt brutal zahlreiche Lebensentwürfe und gleichzeitig auch die als Einheit gedachten Park- und Schlossensembles der Potsdamer Kulturlandschaft. Als realer Schauplatz der Teilung wurden diese Orte zu Speichern von unterschiedlichen Erlebnissen und Wegmarken von Menschen, die lebten, liebten, hofften, sich an Tatsachen gewöhnten aber auch zweifelten und Auswege suchten. Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten möchte all diese biografischen Erinnerungen sammeln, bewahren und vermitteln. So startete sie unterschiedlichste Zeitzeug*innen-Aufrufe, um mit der Erlebnisgeneration in Ost und West in den Dialog zu treten.

Erfahrungsberichte aus dem Bereich Schloss und Park Glienicke machen die westliche Perspektive auf die Grenze deutlich. Für Ausflügler aus Berlin (West) vermischte sich im Bereich der Glienicker Brücke häufig der Wunsch nach Erholung mit der kalten Realität der Grenzsicherungsanlagen. Auch Klaus Dittmer aus Reinickendorf kennt als Wassersportler die Bereiche der Brüderschlösser Glienicke und Babelsberg gut. Vor der Teilung besuchte er häufig seine Familie in Potsdam-Babelsberg. Nach 1961 beschränkten sich seine Ausflüge gezwungenermaßen auf den Umkreis des Schlosses Glienicke. Bei Bootsausflügen entlang der Havel bis zur Glienicker Brücke fiel sein Blick mit Bedauern hinüber zu den Potsdamer Parkanlagen, wo man durch die Grenzanlagen kaum noch etwas von der Gartenkunst erahnen konnte. Ein Besuch war völlig ausgeschlossen. Dieser wurde schließlich erst nach der Wiedervereinigung erneut möglich. [Basierend auf Zeitzeugenbericht Klaus Dittmer.]

Und so zog es Klaus Dittmer direkt nach der Öffnung der Grenze wieder in den Park Babelsberg. Neben den klar sichtbaren Überresten der Sicherungsanlagen sind ihm vielleicht auch die zahlreichen stummen Zeugen der Zeitgeschichte aufgefallen: die Buchen. In ihren Stämmen tragen sie bis heute Einritzungen, die den Baum auch lebensbedrohlich hätten schädigen können. Mitunter finden sich kyrillische Schriftzeichen, die vermutlich aus der Sowjetischen Besatzungszeit stammen. Häufig ist das Kürzel „EK“ zu finden. „EK“ steht hier vermutlich für Entlassungskandidat der Grenztruppen. Zudem war es wohl bei den ehemaligen Grenzsoldaten üblich, im Park die letzte Kragenbinde der Uniform als Erinnerung mit allen Unterschriften des Jahrgangs möglichst hoch an einen Baum zu nageln. Einige Bäume im Grenzbereich hatten zudem unter Verletzungen von den Drahtseilen zu leiden. Diese gehörten zur Laufanlage, an denen die Grenzhunde des Sicherheitsbereichs angekettet waren.

Nach dem Eingang zahlreicher Erinnerungen von Zeitzeug*innen stellt sich die SPSG nun der Herausforderung, diese Geschichten an ein breites Publikum zu vermitteln. Zu dem Zweck hat sich in der Stiftung eine Projektgruppe gebildet. Geplant sind u.a. Veranstaltungen im Schloss Babelsberg und Glienicke, die Zeitzeugnisse präsentieren und zum gemeinsamen Austausch einladen.

Zudem finden auch modernste, digitale Formate Anwendung. So werden im derzeit laufenden Gaming-Projekt „Border Zone“, eine Kooperation mit dem Cologne Game Lab, einige dieser Zeitzeugenberichte Grundlage von Spielepisoden sein. In der Game-App können Spieler*innen dann mithilfe ihres Tablets und Smartphones sowie neuster Mixed-Reality-Technologie die Spuren der Zeitgeschichte im Park Babelsberg erkunden. Dabei lernen sie in kurzen, interaktiven Missionen die Teilungsgeschichte und ihre Auswirkungen auf den Schlosspark aus verschiedenen Perspektiven kennen.

Bettina Harz, Referat Bildung und Teilhabe, Mitglied der SPSG-Arbeitsgruppe „Zeitgeschichte der Schlösser und Gärten rund um die Glienicker Brücke“

Sara Oslislo, Referat Bildung und Teilhabe, Projektbetreuerin „Border Zone“

 

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