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Noch immer werden zehntausende Objekte vermißt
Kooperation mit der Lost Art Internet Database
Unter den europäischen Kunstsammlungen gehören die
preußischen Schlösser zu denen, die am stärksten von
Kriegsverlusten betroffen sind.
Die Verluste entstanden zum einen durch Luftangriffe oder Kämpfe
während des Zweiten Weltkrieges und zum anderen durch den Abtransport von Kunstschätzen nach dem Ende des Krieges. Diese ins Ausland verbrachten Kunstwerke werden umgangssprachlich als Beutekunst bezeichnet.
Opfer von Bomben und Kampfhandlungen wurden meist immobile Kunstwerke wie die Schlösser und die mit ihnen verbundenen Raumschöpfungen und Skulpturen.
Betroffen waren vor allem Werke von Schlüter, Eosander, Knobelsdorff, Nahl, den Hoppenhaupt Brüdern, Gontard, Erdmannsdorff, Langhans und Schinkel, sowie die Schlösser Berlin, Monbijou, Potsdam, Schwedt und große Teile des Schlosses Charlottenburg.
Die stark beschädigten, aber rekonstruierbaren Schlösser von Berlin und Potsdam wurden später unter der DDR-Regierung gesprengt.
Das bewegliche Kunstgut konnte meist rechtzeitig evakuiert werden,
obwohl es auch hier zum Teil zu Verlusten durch Zerstörung kam.
Dazu gehören unter anderem die Sammlung Brandenburgischer Gläser des Hohenzollernmuseums, die Arp-Schnitger-Orgel aus der Schlosskapelle von Charlottenburg (durch den Angriff auf das Berliner
Schloss am 3.2. 1945) sowie die kunsthistorische Bibliothek
und die Fotosammlung der Schlösserverwaltung (durch den Angriff
auf das Potsdamer Schloss am 14. 4. 1945)
Insgesamt jedoch blieben die umfangreichen Kunstsammlungen, die
zur Ausstattung der Schlösser gehörten, durch die mehrfach vorgenommenen Auslagerungen im wesentlichen bis Kriegsende unversehrt.
Eine Auswahl besonders wertvoller Kunstgegenstände war z.B.
im März 1945 in das Salzbergwerk Bernterode bei Leinefelde (Thüringen) überführt wurden. Hier bargen schon kurze Zeit später Soldaten der amerikanischen Armee die Kunstwerke und brachten sie anschließend nach Wiesbaden in den "Central Art Collecting Point" der US-Streitkräfte.
Unter der sowjetischen Militäradministration aber wurden
zehntausende Kunstwerke aus den preußischen Schlössern in die Sowjetunion gebracht. Bei der zweiten großen Rückgabeaktion der UdSSR 1957/58, die viele Museen der DDR betraf (1955 war lediglich die Dresdner Galerie zurückgekehrt), kamen auch jeweils einige hundert Gemälde, Möbel, Porzellane und andere Objekte der angewandten Kunst sowie einige Skulpturen und Grafiken zurück.
Aber noch immer werden zehntausende Kunstwerke in den
Schlössern der Stiftung vermisst:
- mehr als 3000 Ölgemälde, darunter Meisterwerke von Rubens, van Dyck, der italienischen und französischen Barockmalerei sowie der deutschen Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts
- zirka 1100 Skulpturen, darunter Werke von Schlüter, Houdon, Schadow und Rauch
- tausende von Porzellanen, darunter rund 3000 Objekte
aus der Porzellankammer und der Porzellanküche des Schlosses
Charlottenburg
- Möbel, vor allem aus den Schlössern Sanssouci, Neues Palais, Babelsberg und Charlottenburg, sowie aus den zerstörten Schlössern Potsdam und Monbijou
- 80.000 Bände der ehemals Königlichen Hausbibliothek (Schloßbibliothek), darunter die Bibliotheken preußischer Könige und der Königin Luise
- mehrere Tausend Grafiken
Viele dieser Kunstwerke sind speziell für die jeweiligen
Schlösser geschaffen und damit unverzichtbarer Bestandteil
der meist als Gesamtkunstwerk konzipierten Räume. Für russische Museen ist ihre Bedeutung - losgelöst vom ursprünglichen Zusammenhang - gering.
Besonders problematisch für die Forschung ist auch der Verlust wichtiger historischer Inventare des 17., 18. und 19. Jahrhunderts, von Aktenkonvoluten zur Baugeschichte der Schlösser, die ebenfalls niemand anderem als der Stiftung von Nutzen sein können.
Demnächst erscheint ein Katalog der verschollenen Gemälde, der noch von Hans-Joachim Giersberg, dem früheren Generaldirektor der Stiftung, in Auftrag gegeben und von dem Kunsthistoriker Gerd Bartoschek erarbeitete wurde. Die erforderlichen Recherchen erfolgten
auf der Grundlage von Inventarverzeichnissen, die seit dem 18.Jahrhundert angelegt wurden, sowie auf wissenschaftlichen Katalogen aus dem späten 19. und frühem 20. Jahrhundert.
Zu dieser Dokumentation wird auch eine Datenbank im Internet erscheinen.
Bestimmt für Museen, Kunst- und Antiquitätensammler,
Strafverfolgungsbehörden, Justiz, Medien und andere Interessenten,
enthält der Katalog detaillierte Informationen über den
Gemäldebesitz der preußischen Schlösser und soll unter
anderem auch den verdeckten Handel mit den gesuchten Objekten erschweren.
Darüberhinaus wird in den nächsten Jahren auch ein Katalog
der verschollenen Pastelle, Miniaturen sowie der Mosaik- und
Porzellanbilder zusammengestellt werden.
Lost Art Internet Database
Die Internet-Datenbank ist ein gemeinsames Projekt des Bundes und der Länder der Bundesrepublik Deutschland zur Erfassung von Kulturgütern, die infolge des II. Weltkrieges und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verbracht, verlagert oder - insbesondere jüdischen Mitbürgern - verfolgungsbedingt entzogen wurden.
Diese Internet-Datenbank bietet die Möglichkeit, kriegsbedingt verbrachte und verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter sowie Kulturgüter mit unsicherer oder lückenhafter Provenienz, bei denen eine Verbringung oder ein unrechtmäßiger Entzug nicht ausgeschlossen werden kann, zu erfassen und weltweit recherchierbar zu machen.
Die Realisierung der Lost Art Internet Database erfolgt in Kooperation zwischen der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste und dem Institut für Technische und Betriebliche Informationssysteme der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.
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